Wenn es mal nicht so läuft…

Jeder von uns kennt dieses Gefühl. Das Gefühl, dass es einfach nicht rund läuft, dass man sich unwohl und wie im falschen Film fühlt, dass man einfach nur kopfschüttelnd durch den Tag geht und sich immer wieder sagt: „Das kann doch echt nicht wahr sein! Echt jetzt?! WTF!!“ Und noch unglaublicher ist es, dass es solche Tage gibt. Ach was sage ich, Monate… Ja, meine „Phase“ dauerte besonders lange an.

Gut, erst mal der Reihe nach. Ich bin jetzt seit 337 Tagen in der Schweiz und nach gut 4 Monaten hatte ich einen neuen Job in meiner alten Branche (Mediendingsda). Unbefristet, halbtags. Ein Träumchen dachte ich, bleibt mehr Zeit für mich und ich kann ganz in der Schweiz Fuß fassen, mich umschauen. Anfangs war es das auch, ein Träumchen, trotz Überstunden, die aber damals bezahlt wurden. Ich konnte langsam ankommen, die Zeit mit meinem Freund, neuen Leuten, der neuen Stadt und alten Hobbies verbringen.

Aber nach drei Monaten fing der weniger spaßige Teil an: Der damalige Arbeitgeber kam in Zahlungsverzug gegenüber seinen Mitarbeitern, sprich: Meine Kollegen und ich bekamen keinen Lohn bis zum gesetzlich vorgeschriebenen Letzten des Monats, weil das Geld angeblich nicht schnell genug herein kam. So hat es der Arbeitgeber erklärt: Er sei dran, das Geld kommt bald, außerdem sind noch so und so viele Angebote offen, kurz vor Abschluss. So kam es, dass ich nach drei Monaten Arbeit meine erste Lohnaufforderung schrieb. Kurz vor meiner wohl verdienten Urlaubswoche habe ich erfahren, dass eine Versicherung aufgrund fehlender Beitragzahlungen dem Arbeitgeber gekündigt hatte. Am ersten Tag nach meinem Urlaub fand ein Treffen mit der Insolvenzentschädigung statt, die uns erklärte, was wir als Arbeitnehmer in so einem Fall beachten müssen. Aber der Fall der Insolvenz war noch nicht eingetreten (und wäre auch der allerletzte Schritt, laut Arbeitgeber) und diese Info-Veranstaltung wurde vom Arbeitgeber als höfliche Nettigkeit gegenüber seiner Angestellten dargestellt. Super. Kurz: Die Firma stand vorm Bankrott und der Arbeitgeber versuchte sich, an Strohhalmen festzuhalten. Aber an jedem brüchigen, den er finden konnte.

Seit letztem September habe ich bis heute sechs Lohnaufforderungen geschrieben, ich habe meine Arbeit niedergelegt, fristgerecht gekündigt, war viermal beim Arbeitsgericht und hab bei der Insolvenzentschädigung angerufen, um mich zu informieren, was ich in so einem Fall als Arbeitnehmer machen kann (nicht viel, außer fristgerecht zu kündigen). Zudem habe ich mir von meinem Vorgesetzten anhören müssen, dass ich eh keinen anderen Job als Deutsche in der Schweiz finde und ich mit meinem Lebenslauf Glück gehabt hätte, überhaupt den Job da zu bekommen, habe mir immer wieder das Gerede von meinem Arbeitgeber von wegen schlechte Phase und das Geld kommt mit den vielen Angeboten anhören müssen. Das Blöde war nur, dass es mit der Firma nicht gerade bergaufwärts ging. Kollegen hatten zu Recht fristlos gekündigt, während andere vier Wochen Urlaub machten, was für mich zur Mehrarbeit wurde, natürlich unbezahlt. Nebenbei habe ich mich beworben, um aus dem Scheiß rauszukommen.

Kurz: Ich hatte einen Scheißjob plus noch Jobsuche als Ausländerin, die die Branche wechseln wollte. Plus eine Existenzangst, dass mein Konto ins Minus gerät. Noch kürzer: Es lief die letzten Monate in 2016 beruflich nicht gut. Etwas besser wurde es, nachdem ich meine Kündigung zum Jahresende eingereicht hatte.

Selten hatte ich in meinem Leben eine solche Phase, in der es mir so erging. Mir ist klar, dass es nicht immer rund läuft, beruflich wie privat, dass es immer Ups n Downs gibt. Aber mit so etwas hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Es war wie im falschen Film. Zumal ich als Arbeitnehmerin rein gar nichts für die Situation konnte und einfach da reingeschlittert bin. Ich dachte mir damals, erst mal den Job als gar keinen, weil es ja doch etwas teurer hier ist als in Deutschland. Ja, scheiße.

Noch nie habe ich es erlebt, dass jemand weiter Dinge erzählt und wahrscheinlich selbst glaubt, die gar nicht wahr sind, nur um eine Firma irgendwie zu halten. Noch nie habe ich es erlebt, dass ein Mensch so viele andere in Geldnot, in persönliche Probleme und teils Existenznot bringt. Und trotz allem genau so weiter macht.

Und wahrscheinlich hätte ich den Kampf auch aufgegeben und meine Sachen gepackt und wäre wieder zurückgekommen, hätte ich nicht die Unterstützung von meinem Freund, meiner Familie, meinen Freunden (nah und fern) und Kollegen und sogar Fremden (Finanzberater, Tante vom Arbeitsamt, Rechtsberater…) gehabt. Jeder einzelne von ihnen hat mir zugestimmt, dass es Unrecht ist, was da passiert, selbst Schweizer waren erschüttert und haben so was noch nicht erlebt. Jeder von ihnen hat mir Kraft und Mut gegeben, es zu beenden, bevor es noch schlimmer wird. Ich weiß nicht, wie oft ich gehört habe: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Ganz besonders mein Freund hat mir immer wieder gesagt: Wenn es dir nicht gut tut, dann lass es. Es ist nur ein Job, nicht dein Leben. Manchmal (ok, öfter als mir lieb ist) steckt mein Freund voller Lebensweisheiten, keine Ahnung, woher er das hat. Aber die brechen aus ihm immer dann raus, wenn ich sie am meisten brauche.

Daher bin ich euch allen sehr sehr dankbar, dass ihr für mich da (gewesen) seid, dass ihr mich aufgebaut und Hoffnung auf Besserung gemacht habt. Denn die ist schneller gekommen als gedacht. Ich hatte drei Vorstellungsgespräche in einer Woche, mein lang ersehnter und hart erkämpfter letzte Arbeitstag kam, und kurz vor Weihnachten bekam ich überraschend die Zusage für den Job, mit dem ich am wenigsten gerechnet hatte. Seit Januar arbeite ich in einer normalen Firma, mit normalen Aufgaben, mit (einigermaßen) normalen Arbeitszeiten, mit Mittagspause und – oh Wunder – mit Gehalt. Nach wie vor bin ich etwas skeptisch, weil es doch gerade zu perfekt scheint. Der Job macht mir Spaß und seit gut einiger Zeit fange ich mich an, mich daran zu gewöhnen, dass ich jetzt hier in der Schweiz lebe. Mit meinem Freund und den Katzen, in einer tollen Wohnung, mit neuen Freunden in einer neuen Stadt, die für mich jetzt nicht mehr ganz so touristisch ist, sondern mehr und mehr heimisch wird. So langsam komme ich hier an.

Ich habe ja gelernt, aus allem noch so Schlechten etwas Positives mitzunehmen: Zum Einen hab ich neue, offene und hilfsbereite Leute kennengelernt, mit denen ich die Scheiße durchstehe, und meine Aufenthaltserlaubnis für fünf Jahre bekommen. Zum Anderen habe ich gelernt, dass jede schlechte Phase, egal, wie lange sie dauert, egal, wie oft ich gedacht habe, die geht nie vorbei, egal, wie verzweifelt ich zwischendrin war und alles hinschmeißen wollte, ich habe gelernt, dass jede schlechte Phase doch irgendwann vorbei geht. Tut sie wirklich. Man darf nur nicht sich selbst aufgeben. Niemals.

Als wir mit unserer Tour d’Est in Leipzig waren, hat mir mein Freund ganz unverhofft was geschenkt. Es war eine Karte einem Spruch: Tough times don’t last, though people do.

Und ich glaube, er hatte mal wieder Recht.

Verdammt.

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