Jeckenlos

Da bist du wieder, du bunter, verrückter Karneval, mit deinen unzähligen Narrenkappen, die sich feinsäuberlich in den gefühlt tausenden Reisebussen hintereinander aufreihen, die durch die Straßen meist gen Dom ziehen, mit deinen nervigen Ohrwürmern und ewigem Tädäätädäätäädäääää auf für mich so unlustigen Karnevalssitzungen. Da bist du wieder mit deinen lautgrölenden, schunkelnden Jecken in allerlei mehr oder weniger kreativen Kostümen (rot-weiß gestreift geht immer, egal an welchem Körperteil), die sich schon früh um halb 9 in die Öffis quetschen und sie so mit skurillen Erscheinungsbildern füllen, damit sie auch ja rechtzeitig am Puls des Geschehens (also im Brauhaus) sind.

Da bist du wieder mit deiner ausgelassenen Fröhlichkeit, die schon früh um halb 9 in der Bahn beginnt, mit Kölsch in der einen und dem Handy in der anderen Hand, aus dem unfassbar blechern dröhnenden Karnevalsklassiker („… un wenn des Trömmelsche jeht…“) schallern, mit deiner Herzlichkeit und Offenheit, die deine treuen Anähnger miteinander und jedem anderen teilen, der sich zu dieser Jahreszeit nach Köln traut, deine Herzlichkeit mit Bützchen und allem, was dazu gehört. Da bist du wieder, du nervigste Jahreszeit von allen. Boah, du bist so nervig, dass ich mich jedes Jahr, die ganzen sechs Jahre, die ich in deiner Nähe gewohnt habe, verkrochen habe, nur damit ich nichts von deinem „Kamelle, Alaaf“ mitbekomme.

Selbst vor den stundenlangen Dorfumzügen am Wochenende habe ich mich auf meinem Sofa in einer Kuscheldecke verkrochen und war heilfroh, wenn das Trömmelsche nach einer gefühlten Ewigkeit (in echt nach 3 Stunden) nicht mehr ging. Nicht einmal war ich am Puls des Geschehens (der Miniumzug am Veilchendienstag war ja nur noch dein letzter Atemzug nach fünf Tage Vollgasgeben), nicht einmal hatte ich das Verlangen, mich in ein verrücktes Kostüm zu schmeißen und mich bei Minusgraden in die Fluten farbenfroher Jecken zu werfen, nicht einmal wollte ich den Rosenmontagsumzug live sehen (das geht im Fernsehen vom Sofa aus viel besser, weniger Jecken und so). Dafür muss ich dir sagen, lieber Karneval, dass du ein paar Annehmlichkeiten mit dir bringst: leer gefegte Straßen außerhalb der Domstadt, denn sie sind nicht mehr mit Berufsverkehr verstopft, sondern gleichen eher einem friedlichen Sonntagmorgen, die Autohbahnen sind frei, die Läden, solange sie noch offen sind, sind leer, die Büros sind leer und man kann gediegen arbeiten, weil alle anderen feiern sind, es gibt unzählige Kreppl / Berliner / Krapfen, gefüllt mit Erdbeer-, Himbeer-, Kirsch- oder Aprikosenmarmelade, die einem immer schön an den Fingern kleben bleibt, so dass man erst mal weitere zehn Minuten mit Ablecken und Händewaschen beschäftigt ist, und es gibt einen lokalen Feiertag (Rosenmontag), der auch für die Nicht-Karnevalisten gilt (Yeah).

Ehrlich gesagt, lieber, nerviger Karneval, habe ich nie darüber nachgedacht, was ist, wenn ich deinen nächsten Besuch wie dieses Jahr nicht mehr live miterlebe, wenn ich mich nicht mehr vor dir verstecken muss, wenn ich nicht mehr genervt die Augen verdrehen und den Kopf schütteln muss, weil mir früh halb 9 zwei rot-weiß gestreifte Jeckinnen, ein Krokodil, ein rosa Tütü, ein Scheich und Super Mario auf dem Weg zur Arbeit begegnen. Eigentlich sollte ich doch erleichtert sein. Ich hab ja letzte Woche bei einem Telefonat mit meinen Lieblingsnachbarn, als sie mir von ihren Weiberfastnachtsplänen erzählten, fast erleichtert gedacht: Oh je. Gut, dass du da weg bist. Gut, dass du das nicht mehr mitkriegst.

Tja, und dann kam dieser ominöse Donnerstag, der Weiberfastnachtmorgen. Und ich habe mich allen ernstes dabei erwischt, wie ich früh um 7 nach deinen Anhängern auf den Straßen vor unserem Haus Ausschau halte. Gibt es hier auch solche Verrückten, die sich bunt ins Tram setzen? Hoffentlich nicht! Den ganzen Tag bin ich mit einer leichten Anspannung durch Straßen, immer in der Furcht, jeden Moment könnte mir so ein Kloppi Karnevalslieder grölend über den Weg kommen. Ich hatte mich innerlich schon darauf vorbereitet, genervt meine Augen zu verdrehen und die Flucht zu ergreifen, wie ich es die letzten sechs Jahre auch gemacht hatte. Und was war hier?

Samstagabend an Karneval

Ja, nix. Genau, rein gar nichts. Auch nicht am Wochenende. Ich habe nicht ein buntes Kostüm gesehen, nicht eine rote Nase, die Straßen waren voll, das Tram auch, wie jeden Morgen. Es gab keine Kreppl und keinen freien Tag, die Läden sind voll, keiner hat in ausgelassener Fröhlichkeit Karnevalslieder mitgegrölt. Es war alles ganz normal. Das Karnevalistigste, das ich gesehen hab, war eine blau-grün-gelbe Plastiktüte mit „Fastnacht“ drauf. Mehr nicht. Ach, und es gibt dieses Fastnachtchüeli in einer bunten Verpackung. Das ist ein dünner, knusprige Pfannkuchen aus Berlinerteig mit viel Puderzucker.

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Und ganz ehrlich, dieses Fastnachchüeli hilft nur ein klitzekleines bißchen: Ich war und immer noch bitter enttäuscht. Ich habe all die Jahre daraufhin gearbeitet, dir mit der größten Freude, aus dem Weg zu gehen, lieber Karneval, dich bei dem kleinsten Anzeichen, dass du kommst, schlecht zu reden, um dich dann zu ignorieren, wenn du da warst, ich habe dich all die sechs Jahr mehr als genervt ertragen und wäre nur allzu froh gewesen, wenn du gar nicht erst gekommen wärst.

Und jetzt? Jetzt, wo ich hier in Zürich nicht ein Anzeichen von dir sehe, wo der Alltag janz normaal weitergeht, jetzt wo es hier jeckenlos zugeht, jetzt mag ich es fast gar nicht sagen…. jetztvermissichdich… Ja, du hast richtig gelesen, aber ich werde es nicht wiederholen. Das ist schon viel zu viel des Guten. Ok noch ein Wort bzw. Erklärung: So bunt, verrückt du bist, so oft ich auch genervt von dir, deiner unlustigen Fröhlichkeit und deinen treuen Anhängern war, so hast du doch für fünf Tage die Welt Kopf stehen lassen, hast mit kunterbunten Kostümen den grauen Winter etwas angenehmer gemacht und mich doch ab und zu zum Lächeln gebracht (manche Kostüme waren echt kreativ und peinlich). Karneval, du fehlst mir … aber nur ein bisschen.

OK, das witzigste, das ich am Karnevalswochenende gesehen habe, war das:

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