Weihnachten in der Heimat

Vorgestern habe ich meine Sachen zusammen gepackt, um die Feiertage bei und mit meinen Eltern zu verbringen. Gestern Morgen bin ich in aller Früh vor all den anderen Weihnachtspendlern nach Hause gefahren, in die Heimat. Aber ist es wirklich meine Heimat – home sweet home? Gibt es nur eine einzige Heimat?
Zweifellos bin ich hier auf dem Land (mitten in der Pampa, wie mein Freund sagen würde), inmitten von Hügeln, Feldern, Wiesen und Wäldern in einem Dorf in einem beschaulichen Tal, durch das sich ein langer Bach schlängelt, aufgewachsen. Ich bin hier mit dem Fahrrad ohne Probleme die Hügel rauf und runter (damals, Papa, damals hat es noch Spaß gemacht, heute ist es nur ein funktionelles Mittel, falls es zu Fuß zu weit und mit dem Auto unerreichbar ist…), hier habe ich reiten gelernt, bin ich zur Schule gegangen, habe meinen Führerschein gemacht, bin ich mit Freunden in die Stadt, um der nächtlichen Einöde auf’m Dorf zu entfliehen, nachdem sich Fuchs, Hase und Igel „gute Nacht“ gesagt haben. Oder wir haben unsere eigenen Parties gemacht. Zu meinen Eltern fahren heißt ein Stück weit „nach Hause kommen“, in die Heimat kommen: wenn ich auf dem Hügel hinterm Haus inmitten von Wiesen und Feldern an einer schmalen Wegkreuzung stehe und die ganze Gegend überblicken kann, von der kleinen weißen Kapelle auf dem Berghang am einen Ende vom Tal über Waldhügel, kleine Dörfer, die sich links wie rechts ins Tal kuscheln, über Felder, Schafswiesen, Baumalleen bis hin zum Anfang des großen Waldes am anderen Ende vom Tal. Hier halte ich jedes Mal an und genieße einen Moment lang den Ausblick und die Ruhe. Das hier ist meine Heimat – ein Stück weit.
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Bei meinen Großeltern in Thüringen ist es so ähnlich. Jedes Mal, wenn ich von der Autobahn an den Drei Gleichen abfahre, und die schmale Landstraße sich zwischen den gelben Feldern, grünen Hügeln und wirklich wirklich keinen Dörfen entlang schlängelt, begleitet mich der Blick auf eine Burg, die hoch oben auf einem einsamen Waldhügel thront und die Gegend überwacht. Ist man auf Höhe der Burg kann man die ganze Gegend überblicken wie von einer einsamen Insel aus. Während meines Studiums war ich oft bei meinen Großeltern, ja zum Essen (und Wäsche waschen), und meine Oma macht immer noch die beste Bratensauce auf der Welt. Keine Ahnung, was ihr Geheimnis ist, das weiß sie selbst nicht so richtig. Aber diese Sauce und der Blick auf die Burg sind auch ein Stück Heimat für mich.

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Ein anderes Stück Zuhause für mich ist die Großstadt im Osten, in der ich geboren und meine Kindheit verbracht habe. Damals bin ich mit dem Mädel von gegenüber und den Jungs aus den Nachbarstraßen durch die Innenhöfe unserer quadratisch angelegten Häuserblocks gezogen. Dort haben wir Fußball gespielt, sind durch die Gänge der Schrebergärten gerannt, haben die ein oder andere Blume gepflückt und Blütenketten gebastelt, wir haben uns von den herabhängenden Ästen großer Kastanien hängen lassen. Keine zehn Minuten von unserem Zuhause war ein großer Platz, auf dem zweimal im Jahr ein riesiger bunter Jahrmarkt stattfand, und an dem Seiteneingang, durch den wir meistens gekommen sind, war ein Stand, der kleine Kreppel (fettig frittierte, süße Teigkissen mit Puderzucker) verkauft hat und ich hab immer eine Tüte bekommen. Die eigentlich wilden Fahrgeschäfte hab ich erst viel viel später kennengelernt, aber „Die Wilde Maus“ ging immer und auch heute noch. Eine andere Erinnerung an dieses Stück Heimat ist der Zoo. Meine Mama erzählt mir bis heute, dass der Zoo der einzige Ort in der Stadt war, an dem ich freiwillig gelaufen bin. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber ich fühle mich in diesem Zoo tatsächlich sehr wohl: Ich kenne alle Wege, Abkürzungen, weiß, wo man welche Tiere sehen kann. Als Kind war der erste Anlaufpunkt hinter den Kassen eine bronzene Statue einer Löwin, die direkt vorm alten Affenhaus stand. Da bin ich immer drauf geklettert, bis ich so acht oder zehn war. Auch wenn ich heute noch in den Zoo komme, laufe ich zu dieser Löwin und erzähl jedem, der dabei ist, dass ich da schon als Kind drauf gesessen hab. Diese Stadt mag recht groß sein, doch wenn ich an sie als meine Heimat denke, beschränkt das sich diesen Zoo und auf mein Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, das ich wie meine Westentasche kenne, ohne die genauen Straßennamen zu wissen. Und ich denke an all die Fahrradausflüge in den angrenzenden Wald, in dem es einen Reitstall in der Nähe einer Ausflugskneipe gab, wo es wunderbar nach Pferd roch. Oder wo es im Frühling nach Bärlauch duftete.

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Jetzt wohne ich in NRW, zugegebener Maßen nicht gerade idyllisch. Das Erste, das einem zu NRW einfällt, ist Industrie, Großstädte, Autobahnen, voll, grau, wenig Grün. Aber dort, wo ich seit mehreren Jahren wohne, erlebe ich wieder den Dorfcharakter wie bei meinen Eltern. Meine (wohl gemerkt) Stadt hat ehrlich gesagt Kleinstadtcharakter. Lässt man einmal die Einkaufszentren weg, gibt es in der „Innenstadt“ kleine Gasse, eine malerische Kirche, Fachwerkhäuser, viel Klinkerbauten (wie eine Freundin bei einem Besuch festgestellt hat), traditionelle Geschäfte und Kneipen. Man kennt sich und kriegt hier und da das Neuste erzählt. Will man mal raus aus dem Dorf, dauert es keine halbe Stunde und man ist in einer richtigen Großstadt mit allem, was dazu gehört. Aber auch hier, in diesem Stück Heimat gibt es weite Natur, zwar nicht so wie bei meinen Eltern, die vom Balkon aus einen Postkartenblick haben. Aber (wenn man ein paar Minuten läuft) laden Felder, Äcker und Wälder mit kristallklaren Seen zum Spazieren und Seelebaumelnlassen ein. Wenn ich einfach mal nach Bauchgefühl die Wege entlang, am liebsten in Begleitung von meinem Nachbardackel mit dessen Frauchen, komm ich in Ecken, die man sonst so nie erwartet hätte: Ich hab schon ein verwunschenes Kloster mit Rehen entdeckt, einen zugewachsenen Waldweg, der von Pilzen gesäumt war und hohen Gräsern, ich bin Wege gelaufen, die mit einem goldrotbraunen Teppich ausgelegt sind, von denen man den Kirchturm unserer „Kleinstadt“ sehen kann. In diesem Stück Heimat gibt es auch viel direkte Ehrlichkeit und noch viel mehr Herzlichkeit im Umgang mit Menschen, egal ob Nachbar oder Fremder, was ich beides woanders kaum gefunden habe. Und wieder: Ich möchte diese Heimat nicht missen.

Dann gibt es noch ein Flecken Erde, der für mich ein Stück Heimat bedeutet, auch wenn ich dort nicht wie an den anderen Orten jahrelang gelebt habe. Ehrlich gesagt waren es nur wenige Monate. Seitdem bin ich erst ein paar Mal zurückgekehrt, aber jedes Mal, wenn ich diesen grauen Terminal verlassen habe und links gen Bushaltestelle gelaufen und dann mit dem Bus bis zur Waverley Station gefahren bin, hatte ich ein aufregendes Herzklopfen. Ich hatte dann das Gefühl von Vertrautheit, von etwas Urbekannten, Wärme, von Beständigkeit, das man in- und auswendig kennt, wie bei meinen Eltern oder Großeltern. Ich habe dieses Gefühl jedes Mal, wenn ich nach Schottland zurückkomme, wenn ich die typischen grauen Häuserwände der Old Town sehe, die sich oberhalb der Waverley Station und des Princes Gardens auftürmen, gegenüber der New Town mit ihren imposanten Imperialbauten aus goldenem. Aber jedes Mal, wenn ich das alles sehe, dann geht mir das Herz auf, dann fühle ich mich zu Hause. So ist es auch, wenn ich den beschwerlichen Weg zum Arthur’s Seat hochkraksel, kaum Luft bekomme und auf der Spitze vom Wind weg geweht werde. Aber hier ist es für mich mit am Schönsten in Schottland, abgesehen von den endlosen Highlands. Wenn ich auf Arthur’s Seat stehe, kann ich das Salz vom Meer einatmen und auf eine der schönsten Städte der Welt blicken, ohne etwas vom Trubel der Straßen mitzubekommen. Hier ist es wie auf dem Hügeln hinterm Haus meiner Eltern, wie im goldroten Wald oder wenn ich bei Oma und Opa von den Grashügeln auf das Thüringer Becken und die Burg blicke. Hier kann ich die Aussicht genauso genießen, meine Seele baumeln lassen. Hier fühle ich Zuhause.

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Diese fünf Fleckchen Erde sind für mich Heimat, wo ich mich geborgen, geliebt und wohl fühle, wo ich mir alles selbst nach mehreren Jahren noch so vertraut ist, weil sich kaum etwas verändert hat, wo ich mit meinem Herzen verwurzelt bin. Home is where my heart is.
Wo auch immer ihr euch beiHEIMATet fühlt:

Ich wünsch ein fröhlich besinnliches Weihnachtsfest, futtrige, ruhige Feiertage und einen guten und gesunden Rutsch ins neue Jahr.

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2 Gedanken zu “Weihnachten in der Heimat

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