Roermond

Es war mal wieder ein Tapetenwechsel angesagt, nach einer besonders anstrengenden Woche. Über das Wochenende war eine Freundin zu Besuch und da weder sie noch ich in Roermond war, haben wir kurzer Hand beschlossen, in die holländischen Stadt hinter der Grenze zu fahren. Auf der Fahrt fing es an zu regnen, was mich aber nicht mit der Vorfreude auf das neue Unbekannte abhielt. Im Gegenteil. Ich hab meiner Freundin vorgeschwärmt, wie schnell man sich in der Fremde fühlt, und den Nervenkitzel spürt, wie im Urlaub zu sein, sobald man die Grenze passiert hat: andere Straßenzeichen, gelbe Kennzeichen, holländisches Radio, das man nicht versteht, und vor allem, was ich ja immer auf dem Weg nach Maastricht so toll finde, Werbung auf Holländisch.

Also kaum fuhren wir an dem Nederland-EU-Schild vorbei, brabbelte ich drauf los, dass ab jetzt alles anders wird. Doch am Arsch: die ersten Werbeschilder, die wir gesehen haben, waren auf Deutsch… die nächsten auch. Der Radiosender blieb auch deutsch. Und dann dämmerte es mir, dass in Roermond ja dieses Outlet-Center (da wollten wir gar nicht hin) ist, das gern mal viele deutsche Touristen anlockt. Dann ist es ja nicht verwunderlich, dass die Holländer schön deutsche Werbung an die Autobahn tackern. Hmpf. Nach der ersten Enttäuschung haben wir eben diese Werbung und alle anderen deutschen Autokennzeichen um uns herum ignoriert und uns weiter auf unser Ziel gefreut: Roermond Centrum. Dort fährt man erst mal schön in einem Einbahnstraßensystem einmal links und dann immer rechts herum in Richtung Zentrum, vorbei am Albert Hejin (unserer letzter Anlaufstation) bis hin zu einem nicht zu übersehenden Parkplatz, an dessen Zufahrtsstraße wir geparkt haben.

Als wir ausgestiegen sind, hatte es (mal) aufgehört zu regnen. Nach einer kurzen Orientierung an einer Stadtkarte, die überall in der Stadt verteilt sind, sind wir eine ruhige Seitenstraße zehn Minuten ins Zentrum gelaufen. Vorbei an einem kleinen, geschlossenen, völlig leeren Stadtgarten (Kartuis), der an einen alten Klostergarten erinnert, mit einem kleinen Labyrinth, einer großen Rasenfläche, vielen hellen Rosengewächsen und einem einzigen Ein- und Ausgang mit einem gusseisernen Tor. Hier fühlten wir uns kurz wie in eine andere Zeit versetzt. Die Zeit stand quasi still. Bei Sonnenschein hat man hier bestimmt ein schönes, ruhiges Plätzchen, an das man sich vom Trubel der Straßen und des Alltags zurückziehen kann.

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Danach ging’s weiter in Richtung Stadtzentrum. In den kleinen Gassen, zwischen bunten Häuschen und rotbraunen Klinkerbauten mit weißen Fensterrahmen fand ein Trödelmarkt statt, auf dem allerlei Krimskrams unter schützenden Pavillons feil geboten wurde: von Omas Kristallleuchter und Vasen, über Wunderputzmittel und Duschköpfen, hin zu Secondhandklamotten, Porzellan und Nippes. Nebenbei konnte ein frisch gezapptes Bierchen genießen (ja, schon mittags ging da was) und zu guter Akustik-Live-Musik wie im Pub nebenan lauschen. Irgendwie hatte das was Urgemütliches. Natürlich sind wir mit neugierigen Blicken an den einzelnen Ständen vorbei gedackelt, bis wir im Zentrum angekommen sind, direkt am H&M. Und wie auch in Maastricht lädt der historische Stadtkern mit seinen typisch holländischen, reich verzierten Grachtenbauten, den weißen Fenstern, rotbraunen Klinkerhäuschen und liebevoller Blumendeko zum Schlendern und Bummeln ein, denn die Shoppingläden sind in die Häuser integriert.

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Auf der Suche nach Poffertjes sind wir erst mal in Richtung Marktplatz gelaufen. Den Platz an sich haben wir nicht gesehen, weil sich die Stände vom Wochenmarkt um jedes Fleckchen Erde gedrängelt haben. Um den Platz reihten sich hohe, bunte, prächtige Bauten, schmal und breit, manche mit Grachten, manche mit Klinker, manche mit Gaststätten, manche mit Läden. Die Besucherzahl auf dem Wochenmarkt wurde dann doch mehr, aber die Auswahl auf dem Markt war ja auch echt riesig: über Obst und Gemüse, Käse, Wurst, Gebäck, Klamotten und diverse Imbissstände hat man fast alles gefunden. Eben: Fast. Die Poffertjes haben gefehlt. Wir haben die Suche dann vorerst eingestellt.

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Über dem Marktplatz thront in die imposante Sint-Christoffelkathedraal: Eine Kathedrale als Klinkerbau, die mit ihrem eckigen, reich verziertem Glockenturm und seiner hellen Spitze schon von weitem Eindruck macht. Der Eintritt ist frei, und durch den Souvenirshop (inklusive Überwachungskameras aus dem Kircheninneren) kommt man direkt in das Seitenschiff der doch recht unverzierten, schlicht gehaltenen, hohen Kirche. Hier fand gerade eine Hochzeit statt, so dass wir leider nicht die ganze Kathedrale besichtigen konnten. Vielleicht dann das nächste Mal.

Danach haben wir uns durch die gepflegten Straßen der Altstadt mit ihren historischen Laternen, an denen rosa-weiß blühende Geranientöpfe hingen, treiben lassen. Trotz des Regens hat die Stadt etwas Einladendes, Gemütliches und Freundliches, das zum Verweilen einlädt. In einer Seitenstraße (neben dem H&M, in dem wir nicht waren) haben wir die Café-Bäckerei De Brooderie entdeckt, wo es allerlei Brote, Gebäck und Snacks mit Zutaten aus der Region gibt. Wenn man in den Laden reinkommt, wirkt er erst mal recht klein, gemütlich mit warmen Holzmöbeln, aber in der oberen Etage gibt es noch weitere Sitzplätze, und auch Bedienungen. Uns hat der Chef persönlich beraten, wobei bei uns nur Kaffee und Joghurt-Smoothie rausgekommen sind. Weil wir nach unserem reichlichen Frühstück eh keinen großen Hunger hatten, haben wir uns den Snack gespart. Ja, die Poffertje waren einfach nur so ein Appetitanreger… Na, wenn man schon mal in Holland ist, ne?! Nach der kleinen Stärkung ging es weiter durch die Einkaufsstraßen, durch ein kleines Einkaufszentrum, durch diverse Läden mit so tollem Dekokram, der so bunt und schön ist und bei dem man sich immer gefragt, warum man so was eigentlich nicht hat, und dann ob man so was wirklich braucht, für so 150 Euro. Und dann geh ich jedenfalls immer mit leeren Händen aus dem Laden, weil ich dann wohl doch zu vernünftig war (oder zu wenig Geld dabei hatte…).

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Ok, dann sind wir trotz Regen weitergezogen, vorbei am Rathaus und Theater, vor dem noch ein paar Rentner fein säuberlich ihren Krempel verkaufen wollten und teilweise doch schon zusammenpackten, hin zu dem neuen Traumland meiner Freundin: dem HEMA. Ich glaube, wir waren in dem „nur“ ebenerdigen Laden insgesamt eine Stunde, und meine Freundin war davon allein eine halbe Stunde in der Schreibwarenabteilung. Und mit jedem Schritt, den sie weiter in die Regallandschaft machte, desto strahlender wurde ihr Lächeln. Ich glaub, sie hat sich sogar jedes Produkt auf den unteren Regalen einzeln angeschaut, und danach folgten alle anderen Gänge.

Überglücklich (weil mit Aufklebern und Fotoecken versorgt) sind wir weiter zum Munsterplein mit der Munterkerk (Liebfrauenkirche) geschlendert. Wenn man von Süden auf diesen Platz zugeht, läuft man direkt auf einen wild angelegten kleinen Garten, der in allen Farben des Sommers geblüht hat. Als ich durch die schmalen Gänge gelaufen bin, hatte ich den Eindruck, dass der Gärtner eine Tüte bunte Blütenmischung über die Beete geschüttet hat und alles wuchs nach Herzenslust in alle Richtungen. Die Blütenpracht verzaubert, trotz des nicht ganz so freundlichen Wetters. Hier lässt sich in der Sonne bestimmt ein leckeres Eis oder ein Käffchen oder vielleicht auch Poffertjes genießen.

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Auf dem Munsterplein tummelten sich noch einige Leute, weil auf dem Platz ein kleiner Kunstmarkt stattfand. Als der Regen anfing, begann in dem kleinen Holzpavillion eine Blaskappelle zu spielen. Die Menschen spannten ihre Regenschirme auf oder flohen in die Cafés und Restaurants mit überdachten und teils beheizten Straßenplätzen, die sich um den Platz sammelten. Wir sind dann doch lieber in die Kirche gegangen. Die Munsterkerk war wenig prunkvoll, aber beeindruckend gebaut: hoch, mit viel Licht. Vor dem Altar, unter dem Oktogon (einer Art achteckigem Lichtloch in der Decke, mal ganz ganz einfach ausgedrückt) kann man das Grabmal des Herzogs Gerhard IV. und seiner Frau Margaretha aus dem 13. Jahrhundert bewundern. In der Kirche hat man nichts mehr vom Regen oder der Blaskappelle auf dem Platz davor mitbekommen: hier herrschte eine besinnliche Ruhe.

Danach sind wir noch mal zurück zum Markplatz, wo die Stände langsam zusammen gepackt wurde, wieder mal auf der Suche nach Poffertjes. Ja, auch wenn wir immer noch nicht wirklich hungrig waren, aber wir wurden wieder nicht fündig. Und weil es mittlerweile aus Kübeln schüttete, haben wir uns in Richtung Albert Heijn aufgemacht. Dort haben wir uns wieder mit holländischen Köstlichkeiten eingedeckt, wie Karamellwaffeln, Vanille-Vla, Chips mit Mango-Curry-Geschmack, Käse mit Kümmel, Mango-Birne-Minze-Smoothie, Schokolade mit Rhabarber, Lakritze mit Minze, Kekse mit weißer Schoki und Cranberries, also alles, was man so braucht.

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Auf dem Weg zum Albert Heijn hatte meine Freundin ein Café mit bunten Stühlen an der Hauptstraße gesehen, wenige Meter vom Supermarkt entfernt. Weil man auf dem Supermarktparkplatz zwei Stunden kostenlos parken darf, haben wir das Auto nach dem Einkauf dort stehen gelassen und sind zu dem Café. Anfangs waren wir überrascht, weil das Café neben einem schnieken Möbelhaus war, aber keinen eigenen Eingang hatte. Bis wir kapiert haben, dass man durch das schicke Möbelhaus (Loft 76) gehen musste, um zu dem Café zu kommen. Und das war echt Bombe: die Einrichtung war modern, im Industrieschick, mit viel bemalten Metall, aber auch Holz, mit Industrielampen, hohen Barhockern in diversen Formen und Farben, mit und ohne Polster an einer hohen dunklen langen Holztafel, daneben waren auch noch quadratische Holztische mit verschiedenen Stuhlformen, die auch zum Verweilen einluden. Selbst die Deko an der Wand hat uns fasziniert.

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Nach dem ersten Staunen sprang die Bedienung an der Theke fröhlich auf uns zu. Sie freute sich sichtlich über unseren Besuch, weil wir die einzigen Gäste im Café waren und sie wohl endlich mal was zu tun hatte. Als wir saßen, ist uns aufgefallen, dass man die ganze Einrichtung kaufen konnte, zwar zu einem stolzen Preis, aber immerhin. Schnell waren wir mit einer Karte ausgestattet und kurz danach hatten wir die Empfehlung der netten Bedienung vor uns: ein Tablett mit sechs Pralinen (Kirsch, Nougat, Crème und türkisches Nougat) und einem kleinen Eisbecherglas mit Eierlikör und Sahne. Hihi.

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Diese Empfehlung war einfach nur der Hammer. Anfangs waren wir uns nicht ganz so sicher, ob das wirklich Eierlikör war, aber nach einigen Löffeln waren wir uns doch ziemlich sicher. Zusammen mit der Schoki waren wir nach wenigen Happen im siebten Himmel und genossen jeden Bissen und jeden Löffel. Wir waren froh, dass wir uns das Tablett geteilt haben, weil mir allein schon nach der Hälfte schlecht war. Aber das war es echt wert. Den unschönen Regen und unsere durchweichten Schuhe haben wir dann glatt vergessen, so gut ging’s uns. Mit einem strahlenden Schoki-Flash-Grinsen haben wir dann überglücklich und tiefentspannt Roermond verlassen und sind gen Heimat gefahren.

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