Breslau

Am nächsten Morgen ging es nach einem gemütlichen Auschlafen und – Achtung! – ruhigen Frühstück (!, ja, mein Freund hat tatsächlich so was wie gefrühstückt 🙂 ) über die abenteuerliche Landstraße durch Wiesen, unendliche Mais- und Getreidefelder und kleine Dörchen zurück auf die Autobahn, die uns nach Breslau führte.

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Auf dem Weg haben wir die schon gemerkt, dass die Sonne es heute besonders gut mit uns gemeint hat, auch mit den armen Straßenarbeitern, die fleißig sämtliche Grünstreifen entlang der Landstraße bis zur Autobahn mähten. Wir haben festgestellt: Montag ist Mähtag in Polen.

Kaum sind wir in Breslau von der Autobahn runter, kam so was wie Städtefeeling auf: Zweispurige Straßen, viele Autos, dichter Verkehr, große Ampeln, später noch ratternde Straßenbahnen und holpriges Kopfsteinpflaster mit Schlaglöchern.

Unser Hotel, das ibis Breslau Centrum, haben wir nach einer Ehrenrunde um den Block gefunden, dafür gab’s dann einen gratis Parkplatz direkt vorm Hotel. Das Witzige bzw. Komische an dem Hotel war, das es sich das Gebäude mit einem Novotel teilte. Es gab zwei Eingänge, zwei verschiedene Rezeptionen, zwei Lounges und Frühstückssäle, aber drei Aufzüge, die man sich zu den Zimmern teilte. In den unteren Etagen waren die ibis-Zimmer, in den oberen die vom Novotel. Seltsam. Egal.

Nach dem Einchecken sind wir direkt in die Sommerhitze von Breslau. Zu Fuß waren es zehn Minuten bis in die Altstadt, vorbei an imposanten, leicht verfallene Bauten der Jahrhundertwende um 1900, aufgemotze Bauten aus den 20ern, Ampelstrichmännchen, noch mehr ratternden Straßenbahnen, interessanten Skulpturen, die aus dem Boden kamen. Auf den ersten Blick machte Breslau auf mich den Eindruck einer einst mächtigen, einflussreichen Stadt, deren Zeiten vorbei sind. Die Bauten scheinen wie verblasste Erinnerungen an die gute alte Zeit, als in Breslau noch Dichter und Denker unterwegs waren. Bevor jetzt irgendwelche Korrekturen und Belehrungen kommen, gebe ich zu, dass ich mich diesen Urlaub kein einziges Mal belesen oder sonst wie über unsere Ausflugsziele erkundigt hab. Sonst studiere ich Reiseführer bis ins Detail, nur dieses Mal hatte ich keine Lust dazu, sondern eher Bock auf Treibenlassen. Daher sind das hier meine Eindrücke, wie ich die Stadt wahrgenommen habe.

Kaum hatten wir uns Lody naturali („Bio“-Eis) aufgeschleckt, sind wir schon am Marktplatz gewesen und von da an, war ich völlig von Breslau begeisert. Diese vielen schmalen, breiten, reich verzierten bunten Häuser mit ihren verschiedenen Giebeldächern erinnerten mich vor allem an Hansestädte wie Stralsund oder Kopenhagen, aber auch sehr an Maastricht. Richtig krass ist das Rathaus, das die Besucher mit seiner imposanten Fassade und einem Kirchturm begrüßt. Der Marktplatz ist eher ein Quarré mit einer breiten, platzartigen Straße namens Rynek, an der sich die farbenfrohen Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert drängen. Einfach so wunderschön.

links das Rathaus am Rynek

Wichtelfigur am Hydranten

Wichtelfigur am Hydranten

Und wer genau hinschaut, dem fallen kleine Wichtelstatuen aus Bronze auf, die in der ganzen Stadt verteilt sind, meistens am Boden, manche aber auch auf Hydranten. Jedes Mal, wenn ich einen entdeckt hab, hab ich mich gefreut, wie ein kleines Schulmädchen. Einfach niedlich, die Kerle. Sie verleihen der Stadt irgendwas magisches, verzaubertes, das sich in den Gassen wiederfindet. Natürlich sind wir kreuz und quer durch die Altstadt, wo sich moderner Ostblockcharme und historischer Altbau die Klinke geben.

Platte meets Altbau

Platte meets Altbau

Ostblockcharme

Ostblockcharme

Breslaus Stadtbild hat was von Retroschick, Platte meets Barock und dazwischen ganz versteckt warten Sex Shops und Table Dance Clubs auf ihre Besucher. Besonders faszinierend fand ich die Altbauten, wie einen Teil der Uni, die eben noch nicht restauriert waren, deren Putz und Farbe abbröckelten und die ihren natürlichen Charme frei gaben. Das ist für mich der typische Osten: alt, vergilbt, auf den ersten Blick heruntergekommen, aber beim näheren Hinblick einfach nur schön, traditionsreich, ehrwürdig.

Archäologische Institut der Uni Breslau

Archäologische Institut der Uni Breslau

Und während wir so durch die Gassen bummelten, fiel uns auf, wie viele Kirchen die Stadt hat. Eine ist die von Maria Magdalena, da gibt’s eine Aussichtsbrücke zwischen den beiden Glockentürmen. Dann ist da noch die Parafia, direkt neben dem Rynek, und als wir weiter durch die Straßen auf die idyllischen Oder-Inseln sind, standen da auch noch drei rum, in einem Radius von einem Kilometer.

Parafina

Parafina

Eine davon ist der Breslauer Dom, hat für mich eher was von einer Kathedrale. Die wirklich spitzen Kirchturmspitzen sind von Weitem zu erkennen und daher ein leichter Orientierungspunkt. Als wir über die Brücke Most Tumski mit all ihren Liebesschlössern (und vorbei an gelangweilten Schulklassen, die sich Vorträge der Lehrer anhören mussten) gelaufen sind, haben wir den Dom direkt vor uns gesehen. Die Straßen hier sind beschaulich ruhig, so dass man gar nicht denkt, dass man in einer Großstadt ist, sondern eher auf dem Land im Norden. Der Dom selbst wirkt von außen größer als er innen ist, zumal nur die vordere Hälfte als Kirche genutzt wird.

Breslauer Dom

Breslauer Dom

Insgesamt war auf den Inseln wenig los, Verkehr sowieso nicht, nur die Golfwägelchen, die für Touri-Fahrten genutzt werden, und wenn dann hauptsächlich Touristen, einzeln oder in Gruppen. Und auch viele Studenten klappern auf ihrem Fahrrad über das Kopfsteinpflaster oder gönnen sich ein paar Sonnenstrahlen an der Uferpromenade. Vor allem in den Kneipen, Läden und Cafés arbeiten junge Leute, so dass wir hier in Breslau nochmal Studentenluft geschnuppert haben.

Oderkulisse mit Dom

Oderkulisse mit Dom

Nach unserer fünfstündigen Erkundungstour qualmten bei mir die Füße, bei meinem Freund langsam auch, und wir haben uns auf den Rückweg ins Hotel gemacht. Mit einem leckeren Zwischenstopp an einer traditionellen Bäckerei. Ja, auch wenn ich vorerst kein polnisches Essen mehr sehen konnte, war da die Versuchung zu groß. Hier gab’s gefüllte Krapfen/ Berliner / Kreppel / Donuts oder wie auch immer man die frittierten mit Marmelade gefüllten Teigteilchen nennt. Und die gab’s mit den verschiedensten Füllungen: Drachenfrucht, Käsekuchen, Pfirsich, Kiwi, Mohn, Himbeere, Pflaume, Rosenwasser… Mehr konnte mein Freund nicht übersetzen. Wir haben uns für Pflaume und irgendwas Unverständliches entschieden, das gerade aus dem Ofen kam. Letzteres war dann rote Johannesbeere, was echt lecker und nicht allzu süß war. Die warmen Krapfen erinnerten mich an Kräppelchen aus meiner Kindheit und waren einfach ein süßer Traum. Unbedingt probieren!

Traditionsbäcker

Traditionsbäcker

Nach einer Pause im Hotel ging’s frisch und munter zum Abendessen am Marktplatz. Direkt gegenüber vom Rathaus haben wir in einer Kneipe namens „Whisky in the Jar“ einen Platz direkt an der Front bekommen, mit wunderbarem Blick auf alles, was vorbei lief (uih manche Mode war echt uihuihuih).

Rynek am Abend

Rynek am Abend

Das war zuweilen echt unterhaltsam, weil es zwei Feuerspuker/-werfer gab, die abwechselnd zu Musik ihre Kunstwerke vorführten. Viel interessanter war die kleine, zierliche Frau, die gezielt Männer und Männergruppen ansprach. Sie war ein Promo-Girl für den Table Dance Club direkt am Platz. Sie hat das echt geschickt gemacht, nicht so erfolgreich, aber wirklich krass direkt und geschickt von der Seite. Durch das viele Zugucken fiel das leckere Essen fast in den Hintergrund. Wir hatten fette Burger, lecker 200g Fleisch mit Käse und gut Gemüse. Dazu Cocktails. Man lässt sich ja nicht lumpen in Polen.

Zum Dessert gab es einen kleinen Abendspaziergang um das Rathaus. Im Gegensatz zu Bautzen, wo abends um acht der Hund erfroren war, steppte hier der Bär. Die Kneipen waren voll, überall hörte man lautes Gebrabbel der Menschen, die sich einen abendlichen Drink genehmigten, es war irgendwie Leben in der Bude und hatte was von entspanntem Urlaubsfeeling. Dazu Musik von den Straßenkünstlern wie den Feuerspuckern oder einer kleinen 2-Mann-Band: Er spielte Gitarre, sie sang polnisch. Aber wie! Andere Passanten und ich waren ganz baff von ihrer zarten, leicht rauhen Stimme, die durch den Breslauer Nacht schwebte….

Mit der Musik im Ohr sind wir gut gesättigt, müde, aber glücklich ins Hotel zurück. Breslau oder Wroclaw, wie du auf Polnisch heißt, du bist echt n schmuckes Ding, du! Schön, dass wir uns gesehen haben.

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