Crystal River – Pizza & Manatees

Unsere Anreise nach Crystal River führte durch das sehr ländlich geprägte, untouristische Florida, links und rechts der Strasse war es nur grün mit Blick auf den ein oder anderen See, oder mal ne Wohnsiedlung oder n Einkaufszentrum. Da mein Freund zwischendurch mal unseren Reiseführer durchgescheuert hatte, wollte er einen Kurzstopp in Inverness (ja, Namensvetter von dem in Schottland) einlegen. Da gibt es eine Altstadt… jaaaaa, gut, ne? Ein pompöses Courthouse (Gericht) und eine Strasse dahinter machen für uns Europäer noch keine Altstadt, aber gut, es war schon süss. Hatte n bissl was von nem Western, die eine Strasse. 

Eindrucksvoller – und das war auch der Grund für unseren Stopp – war der Fort Cooper State Park mit einem traumhaft schönen See, an dem sich die Mangrovenwälder reihten und man zwischen den Bäumen vereinzelte Häuser am Ufer erblicken konnte.

Dazu gab es dort einen kleinen (kurzen) Rundweg, den wir gut genutzt haben, weil etwas nieselte und die hohen Bäume und ihre Blätter urige Schirme für uns waren. Man kann auch auf dem Fahrradweg um den See fahren. Nur hatten wir ja keine Fahrräder dabei… tja, blöd. Wir sind dann langsam zurück zum Auto auf dem Parkplatz am Courthouse geschlendert und weiter gefahren.

Unser ursprünglicher Plan für Crystal River war es ja, dort Manatees (Seekühe) zu beobachten. Dafür und seine Naturreservate ist der kleine Ort bekannt. Beim Durchfahren haben wir gemerkt, dass hier nicht wirklich der Bär steppt, es hier aber mindestens genauso viele Hotelbetten wie Einwohner (ca. 3100) gibt. Der Ortskern ist recht übersichtlich (eine Strasse mit grosser Kreuzung!), die Häuser an der historischen Main Street stehen etwas gedrängter am Strassenrand und sind niedlich hergerichtet – auch hier in Western Optik.

Aber danach werden die Abstände und Grünflächen wieder grösser, die Holzhäuser etwas rustikaler bis altbacken und die Grundstücke sind vor allem grün, mit hohen buschigen Bäumen bewachsen, von denen Spanisches Moos hängt. Hier herrscht eine alteingesessene Gemütlichkeit namens „Komm ich heut nicht, komm ich morgen“. Fremde, wie wir, die hier auffallen wie ein bunter Hund, werden freundlich begrüsst.

Um mein Glück mit den Manatees zu versuchen, sind wir zur Kings Bay runtergelaufen (ja, gelaufen, was hier auch nicht so üblich ist). Aber leider haben wir da vergebens nach den gemütlichsten Seekühen der Welt Ausschau gehalten. Dafür kamen wir uns kurzweilig vor wie in Gullivers Jurassic Park, denn der Fussweg war gespickt mit Eidechsen, so dass wir nur vorsichtigen Schrittes vorwärts kamen. Hier und da sprang ein Tierchen über den Weg oder / und in den Busch. Auch kleine Krabben haben wir gesehen, die sich vor Schreck vom Steg haben plumpsen lassen.

Die Kings Bay macht einen sehr ruhigen, gediegenen Eindruck, Boote waren kaum unterwegs, nur der ein oder andere Angler am Steg. Manatees waren wie gesagt keine in Sicht. Durch meinen Reiseführer wusste ich, dass Touren angeboten werden, also haben wir die Anbieter abgeklappert. Ok, es war nur einer, der auf hatte. Das Büro war etwas unscheinbar in einer Holzhütte mit bunten Kayaks und bunt bemalten Holztafeln untergebracht. Es machte eher den Eindruck von einem Surfshop als alles andere. Uns wurde ein Tour angeboten, bei der wir für $55 Dollar mit Seekühen im Neoprenanzug schwimmen würden. Im Mai ist aber Seekuhnebensaison und daher waren nicht so viele Manatees in der Bucht. Gut, wir überlegen es uns, haben wir gesagt.

Danach sind wir noch zum Crystal River Preserve State Park gefahren, wo uns eine Rangerin kurz erklärt hat, dass es im Mai in der Bucht ca. 30 Tiere gibt (daher die Seekuhnebensaison). Im Winter wären es 500-600. Meistens sind sie im Meer am Fressen oder schwimmen den Fluss runter zu den warmen Quellen in der Kings Bay, wo sie chillen. Welche zu sehen, wäre eher Glück. Aber der State Park bietet auch Eco-Bootstouren an, die Fauna und Flora kurz erklären, und arbeitet mit dem Homossa Springs Wildlife State Park zusammen, in dem erkrankte oder verletzte Tiere wieder fit gemacht werden. Das Blöde war, dass wir am Nachmittag in Crystal River angekommen sind und da schon alle Bootstouren gelaufen waren. Und mehr kann man hier nicht machen… 

Am Abend haben wir nach einer guten Essenslokalität gesucht, aber Google schlug nur die normalen Fastfood-Fettdrauf-Läden vor. In unserem Reiseführer stand als Tipp eine kleine Pizzeria, keine 10 min Autofahrt von Crystal River entfernt – mit Steinofen. Wir sind los und haben den Pizza Joint Wood fired Pies hinter der kleinen Tanke in Dullenon fast übersehen. Schon als wir in den kleinen Laden (eher Imbiss-artig) reinkamen, erfüllte der rauchige Duft vom Holz im Steinofen und frisch gebackener Pizza die Luft.

Nach einer freundlichen Begrüssung haben wir die Menüs studiert und uns für eine Pizza (ca. 40 cm) halb-halb belegt entschieden: Halb Hot Hawaiian und halb mit Salami, Zwiebeln, Wurst und Paprika. Und oh mein Gott war die lecker!! Der Hammer. Es war ein dünner Teig wie in Italien, aber der Belag war halt amerikanisch, der Geschmack auch. Einfach sensationell, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir waren die einzigen Vor-Ort-Gäste, aber die Tür ging ständig auf und zu wegen der Abhol-Gäste, die telefonisch bestellt hatten. Zwischendurch gab es immer noch einen kleinen Schnack mit dem Pizzabäcker / Chef, der es einfach „awesome“ fand, dass wir da waren. Gut, er fand alles „awesome“. Aber es war einfach herrlich, super lecker, nette Atmosphäre und die Pizza ein Traum! Also falls ihr mal in der Ecke seid, lohnt es sich, dort hinzufahren!! 

Nach reiflicher Überlegung, ob nun Schwimmtour zu den Manatees in Neoprenanzügen oder was Gutes tun für den Tierschutz, haben wir uns, oder ich mich, für letzteres entschieden. Irgendwie hat es mich auch vor den Neoprendingern gegruselt… Am nächsten Morgen sind wir also zum Homossa Springs Wildlife State Park gefahren. Das Wetter war trocken, der Park noch recht leer. Eintritt kostet $13 für Erwachsense und man bekommt n coolen Manateestempel auf den Handrücken.

Der State Park ist ein schön angelegter Wildpark, der sich um physisch oder mental verletzte Tiere Floridas kümmert, die sonst in freier Wildbahn nicht überleben würden. Hier kümmern sich sehr viele ältere, freiwillige Helfer, die sich echt auskennen, um die Tiere. Rangerin Sue arbeite da schon seit 19 Jahren, den Park gibts seit 1998. Sue hat uns ein paar interessante Fakten über den Park, die Tiere und eine kleine Screech Owl (dt. Ost-Kreischeule), die sie dabei hatte, erzählt. Die kleine Eulenart wird nur so 10 cm gross, sieht voll niedlich und unschuldig aus, aber unser Exemplar hatte einen schlechten Tag und knurrte uns vier Besucher an. Wenn der kleine Mann nicht so gut erzogen gewesen wäre, hätte er uns eiskalt sitzen gelassen und wäre er zack wieder in seinen Käfig zurück, ins Bett und so. Der Wildpark war früher mal Entertainment Park, der um die Quelle von Homossa Springs Anfang des 20. Jh. entstand, mit zahlreichen Orchideen und Karusellen. Heute gibt es nur noch die Quelle und ein paar alte Werbeschilder von damals. Das Tolle an dem Park ist, dass man diese „hiesse Quelle“ gleich am Anfang des Parks sieht. Und die Quelle ist eine Art See mit super klarem, türkisem Wasser, so glasklar, dass man bis auf Grund sehen konnte. 

In dem Park gibt es allerlei Fauna, die Florida zu bieten hat: nen Rotfuchs, Adler, Flamingos, Pelikane, andere Vögel, Alligatoren, altes Show-Nilpferd Lou (der ewige Single), Fischotter, Schlangen, Rehe, Bären, Rotwölfe (die nicht ganz in Florida leben, aber in den USA vom Aussterben bedroht sind) – und ganz ganz toll: 4 Manatees, drei Kühe sind wild und kommen verletzt in den Park zum aufpeppeln, eine ist dort geboren und soll nun von einer wilden Kuh lernen, wie man draussen im Fluss schwimmt.

Bei der Manatee Info-Show mit Salatbar und Untersee-Observatorium konnten wir direkt dabei sein und die Tierchen sind einfach sooooo süüüüüsss, einfach megaentspannt und so verfressen. Kurze Fakten: In freier Wildbahn werden die Tiere 600-800 kg schwer, in Zoos und Wildparks bis zu 1000 kg. Und die fressen nur Pflanzen… Ausserdem brauchen Seekühe eine Wassertemperatur von 70° F, das sind 21,1° C zum Leben. Jede Temperatur darunter gefährdet ihren Kreislauf und sie sterben an Unterkühlung und Herzversagen. Deswegen hängen die Tiere gern an diesen Quellen rum.

Der Tagesablauf besteht aus Seegras fressen im Meer, zu den heissen Quellen schwimmen und chillen, fressen, chillen, fressen, chillen. Die Manatees sind mit den Elefanten verwandt und haben ein neugieriges, freundliches Wesen, das ihnen auch zum Verhängnis wird, wenn sie zu nahe an Boote heranschwimmen. Kurz: Die Tiere sind einfach nur super. Ich hab mich so gefreut, als die Manatees zum Fressen kamen und ihr Schnäuzchen zum Luftholen aus dem Wasser streckten. So süss. Ich hätte denen wirklich die ganze Zeit zuschauen können.

Aber sie sind dann wieder in den See geschwommen und wir sind den Rundweg weiter entlang gelaufen, und der führte ausserhalb der Parkgrenzen zu dem wilden Flussbett von Homossas Springs. Und da schwammen fünf graue grosse Schatten in dem türkisen Wasser. Das waren wilde Seekühe!! Wilde Manatees!!

Ich war völlig aufgeregt, denn ich hätte nie gedacht, dass wir welche sehen, wenn nur 30 Tiere in der bucht gesehen wurden. Aber da waren sie, völlig entspannt, dösend lagen sie im stillen Wasser. Der Rundweg führte über eine Brücke, die über das Tor führt, dass den Wildpark von der Natur trennt. Im Winter wird das Tor geöffnet, damit die wilden Manatees zur Quelle schwimmen können. Im Sommer ist es geschlossen und wir hatten das Glück, dass eine Seekuh da an dem Tor die Algen abknabberte. Und sie drehte sich hin und her, um besser knabbern zu können.

So süss. Ich liebe die Tierchen. So niedlich. Zum Abschluss unseres Parkbesuchs haben wir noch die Info-Show zu Nilpferd Lou besucht, aber Lou, der ewige Dauersingle, der nie einer Nilpferddame gesehen hat, war auch im Chill-Modus und hatte keinen Bock, fürs Mittagessen das Wasser zu verlassen, wo er es sich auf einem grossen Reifen gemütlich gemacht hatte. Die einzige Reaktion war ein Ohrenwackler.

Der Park lohnt sich echt gut, ist eine gute Sache und hat Manatee-Garantie. Für uns ging es an dem Tag noch weiter in Floridas Hauptstadt, Tallahassee. Kaum im Auto fing es an zu giessen, aber so richtig mit Donner und Gewitter über uns. Eigentlich wollten noch die Eco-Tour in Crystal River mitmachen, aber die wurde abgesagt. Die Ranger haben leicht geschmunzelt, als ich nass vom Regen in das Info-Centre kam und nachgefragt hab. Also fuhren wir weiter…

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