Sächsilüüte: Zunft, Böögg, Blumen, Massen

Sächsilüüte (hochdt. Sechseläuten) ist ein Feiertag und Fest in der Stadt Zürich, an dem die Handwerkszünfte traditionell die Sommerzeit einläuten. Früher gab es ja kein PC, der einem sagte, wann Feierabend war, sondern das machten diese Kirchenglocken. Im Winter läuteten sie um 5 Uhr den Feierabend ein, und durch die helleren Abende im Sommer wurde der Feierabend auf 6 Uhr verlegt. Diese „Zeitumstellung“ ist das Sächsilüüte, das heute noch traditionell von den Zunftvereinen der Stadt Zürich und zig Schaulustigen am letzten Montag im April gefeiert wird. An diesem Tag und dem Wochenende davor gibt es Festumzüge der Zünfte, die ihren krönenden Abschluss in der Böögg-Verbrennung finden, die von allen Zürchern und Besuchern begeistert erwartet werden. Deswegen geben die Zürcher Firmen ihren Leuten eigentlich den Nachmittag an dem Tag frei.

Ja, eigentlich. Ich durfte arbeiten. Und hab mich sehr geärgert, dass ich mein erstes Sächsilüüte verpasse. Da hört man vorher so Geschichten, dass der Böögg letztes Jahr 45 min gebraucht hat, dass die Leute fast gar nicht mehr daran geglaubt hatten, dass er noch abbrennt. Oder dass vor ein paar Jahren der Böögg dermaßen explodiert ist, dass es Verletzte gab. Bö-Was? Jaja, ich weiß. Böögg, spricht man, wie es geschrieben wird, mit langem Ö und weischem G. Das ist ein Pappmaché-Schneemann, der auf einem riesigen Scheiterhaufen auf dem Sechseläutenplatz vor der Oper (ja, die Zürcher ham hier ihren eigenen Platz für das Fest) aufgespießt, angezündet und zum Explodieren gebracht wird. Je schneller der Böögg explodiert, desto schneller kommt der Sommer. Also Winteraustreibung mal anders. Hat nix mim Nubbel zu tun. Und wie jedes Jahr wurden auch dieses Jahr wieder getippt, wie lange es wohl dauern würde.

Aber die Böögg-Verbrennung ist ja nur die halbe Miete. Während ich bei strahlendem Sonnenschein im Büro vor mich dahinsauerte, habe ich mir von meiner Kollegin die Tradition mal näher erklären lassen: Die Zünfte der Stadt versammeln sich, es gibt einen Umzug, an dem sie ihre Produkte an die Zuschauer verteilen, gern auch im Austausch gegen frische Blumen. Der Bäcker wirft süße Teilchen, der Metzger verteilt wohl Würstchen und die Fischer haben anscheinend vor Jahren mal mit frischem Fisch geworfen, auch bis auf die Balkone der Häuser an der Festzugsstrasse… Dann versammeln sich die Zünfte um den Scheiterhaufen auf dem Sächsilüüteplatz, der Holzhaufen wird angezündet, dazu gibt es noch Reiter (ebenfalls von den Zünften), die während der Verbrennung mit den Pferden auf einem Sandkreis um das Feuer galoppieren, bis der Böögg BUUUMMM macht. Und ich so: Ich will das sehen, aber die Arbeit rief. Ja, die Pferde tun mir schon leid, aber sehen wollte ich es trotzdem.

Also hatte ich mich mit meinem Französisch-Tandem-Partner zum Böögg-Abfackeln-Gucken verabredet. Punkt 18 Uhr war ich am Sächsilüüteplatz. Naja fast. Da waren noch einige tausend andere Leute und ich musste mich erst mal durch die Menge zum Baum an der Brasserie kämpfen, da stand der Franzosen. Kaum drängelte ich mich hinter ein paar Fischern (?) durch die Leute, gab es einen Megaknall wie ein Kanonendonner und die ersten Fetzen vom Böögg flogen in die Luft. Dazu ging ein Jubel durch die Menge. Während ich mich so durch die Leute schob, fielen mir immer wieder Frauen mit Blumensträußen auf und Männer in Uniformen oder Zunfttrachten aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, mit Knickebocker, Gehrock, Perrücke und Dreispitz. Dann donnerten wieder kanonenartige Knalle über den Platz und der Böögg flog endgültig in die Luft. Das Feuer des Scheiterhaufens ist gewaltig und selbst da, wo ich in der Masse stand, konnte ich die letzten Fetzen des armen Schneemanns in den Flammen aufgehen.

Zur grossen Freude der Menge hat die Verbrennung dieses Jahr keine 10 Minuten gedauert, und nicht wie letztes Jahr 45. Heißt, der Sommer kommt zackig. Die ersten Reaktionen, die mir auf den verbrannten Schneemann entgegen kamen, waren: „Gut, dann können wir jetzt gehen.“ Und Leute, die sich zum Gehen vom Sechseläutenplatz abwandten. Krass. Erst „Yeah“ und dann „Komm, wir gehen!“. Aber gut, dadurch hab ich den Franzosen schneller am Baum neben der Brasserie und dem Pandaluftballon gefunden.

Wir haben uns dann durch die wirklich rappelvolle Menge auf die andere Seite des Sechseläutenplatzes schieben lassen, also da am Bellevue, wo wir nach und nach den Zünften beim Abzug vom Platz zugeschaut haben. Dabei marschieren sie mit Marschkappeln oder Trommlern und allerlei Trachten vom 15. bis 20. Jahrhundert vom Platz. So eine richtige Logik konnten wir nicht dahinter erkennen. Aber wir haben versucht, anhand der Flaggen und Trachten die Zunft zu erraten.

Jeder Zunftverein mit seiner eigenen Marschkappelle und eigenen Rhythmus. In zwei Ausgängen, die parallel sind. Das heißt wir hatten doppelte Beschallung von links und rechts und wussten gar nicht, wo wir zuerst hingucken sollten. Vor uns brannte der riesige Scheiterhaufen zu Asche und die Massen zogen in einer Tour vom Sechseläutenplatz.

Gefühlt wurde es lange lange nicht weniger, und nach so einer Stunde Abmarschieren, wurde die Umzäunung rasch abgebaut, Polizisten und Sicherheitsleute sicherten die zappelige Menge, bis es in GO gab. Und urplötzlich rannten zig Zuschauer wie Kloppis zum Scheiterhaufen, breiteten Decken auf dem Sand um das Feuer aus und packten Grillzeug aus.

Das hatte mir meine Kollegin auch erzählt, aber man glaubt so was erst, wenn man es sieht. Meine Güte, können Schweizer schnell sein, wenn es um einen Platz am Böögg-Haufen geht. Oder um weggeworfene Blumen. Alter, manche haben sich wie auf einen Wühltisch beim Ausverkauf gestützt. Hat man sich jedenfalls dann einen solchen Platz vorm Feuer ergattert, soll man sich heiße Asche aus dem Scheiterhaufen holen können, um damit seinen Grill anzufeuern und dann gäbe es noch einen langen Apéro. Ebenso hatten einige lange Holzstöcke dabei, auf denen dann eine Bratwurst aufgespießt ins Feuer gehalten wird.

Also ich hab ja am Nationalfeiertag schon erlebt, dass Schweizer ihrem Land sehr verbunden sind. Aber das beim Sächsilüüte hat nochmal eine neue Dimenson von Verbundenheit zu Traditionen eröffnet. Wie gesagt, es hatte leichte Züge vom Karneval (wobei ich das hier wohl nie vor einem Zürcher sagen dürfte *hüstel*), viele Menschen, Tradition, Festtagsstimmung, Kostüme, kostenlose Güezli, Blumen, aber halt keine Bützchen, sondern n überdimensonales Grillfeuer.

Der Franzose und ich sind fasziniert und grinsend noch eine Bratwurst essen gegangen. Wunderbar, leicht verrückte Tradition. Nächstes Jahr wollen wir auch einen Platz am Scheiterhaufen.

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