Am Ende der Welt

…oder am Anfang vom Kahlgrund, denn hier ist der Ursprung der Kahlquelle. Die Kahl ist ein kleiner Fluss, der sich durch ein Tal bis zum Main zieht und dem Kahlgrund seinen Namen gibt.

Auf jeden Fall waren mein Freund und ich unterwegs zu meinen Eltern, weil mein Vater zu seinem 70. Geburtstag eingeladen hatte. Anders als sonst waren wir in einer Pension dahinten an der Kahlquelle untergebracht. Dahinten ist ca. 8 km von dem Dorfkern, nahe dem meine Eltern wohnen, entfernt, gehört aber noch zum Dorf. Da gibt es nur sechs Häuser, eine Bushaltestelle, eine Kapelle und Wald und Wiesen. Und Forellenteiche (mit mehr Forellen als Einwohner) und die Kahl. Und Wald. Viel Wald. Sonst nichts. Nix, nüscht. Natur pur. Meine ersten Gedanken waren: Ach du… Dahinten ist doch nichts. Da sind es 10 Autominuten bis zum nächsten Ort in beide Richtungen. Na, das gibt was. Ok, was tut man nicht alles für Papa.

Als wir dann nach einem Kaffee-Abendbrot-Zwischenstop bei meinen Eltern zu der Pension gefahren sind, bemerkte mein Freund etwas bedächtig auf dem Beifahrersitz: „Oh je, so weit war ich noch nie in der Pampa…“. Dabei kam es noch viel schlimmer als Natur pur. In dem kleinen Ortsteil gab es kein WLAN und noch viel viel schlimmer: Da gab es kein Funknetz. Nicht mal einen Minibalken. Auch nicht „am Fenster vielleicht“, wie es in der Willkommens-Mappe in der Pension hieß.

Am Anfang war es echt ungewohnt, gar keinen Funkempfang zu haben. Schließlich schleppen wir unser Handy überall mit hin, weil wir es als Kommunikations-, Nachrichten-, Austauschmedium und Uhr nutzen, als Einkaufzettel, Kamera, Navi, Fotoalbum. Fast alles, nur nicht als Kochlöffel oder so, das kommt aber bestimmt noch. Anfangs hatte ich jedenfalls immer noch die Hoffnung, dass sich doch mal ein Balken auf dem Display weiß verfärbte, aber nein. Auf meinem Diensthandy (ja, ich weiß, das sollte ich gar nicht mit in die Ferien nehmen, ich arbeite dran…) war dieser Kreis mit dem Schrägstrich eingeplendet, fast permanent. Es war ungewohnt, weil ich nicht mal ne olle SMS verschicken konnte.

Was macht man dann in so einer Situation? Ja, nix. Sondern lässt das Handy Handy sein und genießt die handy-freie Zeit. Ich habe mich mit meiner Familie unterhalten, wir haben die Zeiträume seit dem letzten Wiedersehen mit vielen Gesprächen aufgefüllt, ich hab meinen Bruder und seiner Familie wiedergesehen, ich habe meine Nichte kennengelernt, wir haben als Familie Minigolf gespielt, waren im Wildpark, haben alle einen Sonnebrand auf dem Kinderspielplatz bekommen, wir haben meine liebe Schulfreundin und ihr Baby besucht, wir waren die Pferde besuchen, die auf den bunt gefleckten Wiesen am Waldrand friedlich grasten, Lukas und ich waren bei den grün schimmernden in der Sonne glitzernden Kahlquellen im Wald, wir mit meiner Nichte und dem Hund meines Bruders spazieren, ich habe meiner Nichte zeigt, wie man Bummbaumeln (Löwenzahn) wegpustet. Blöd war nur, dass ich das am Anfang vom Spaziergang gemacht habe und der Weg voll von weißen Wolkenköpfchen war… „Pusten!“ hieß es dann immer… Wir haben sehr gut gegessen, wurden von der Wirtin verwöhnt, wo es nur ging, wir waren kneipen, im Pool, in der Sonne, ich habe meiner Nichte vorgelesen, wir haben eine Kremserfahrt durch gefühlt den halben Kahlgrund gemacht, und natürlich Papas 70. mit Familie, Freunden und den Nachbarn gefeiert.

Es war einfach gar keine Zeit für ein Handy, außer um Fotos zu machen. Und ich habe mit positivem Erschrecken festgestellt, dass ich mich viel schneller an dieses Funkloch und seine Vorteile gewöhnt hatte als ich mir vorher eingestanden hätte. Die Erholung und Entspannung stellte sich schneller ein und war, jetzt rückwirkend betrachtet, für mich viel intensiver. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Vor allem meinen Eltern, die uns dahinten am Ende der Welt unterbracht hatten, in einem kleinen, idyllischen Paradies am Rande des Spessarts, an einem traumhaftschönen Ort im Kahlgrund, meiner Heimat, an der ich ungefähr ein Drittel meines bisherigen Lebens verbracht habe.

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Eine Antwort zu “Am Ende der Welt

  1. Hallo Lieblingstochter,
    es freut uns sehr, dass dieses Wochenende am Ende der Welt so viel schöne Eindrücke bei Dir hinterlassen hat und Du dies alles so schön wiedergegeben hast. Der Kahlgrund ist eben ein idyllisches abgeschiedenen Plätzchen, was.auch jungen Menschen gefällt.
    LG Papa

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