Eine ganz andere Perspektive

Vergangenes Wochenende hatte ich Besuch von einer lieben Freundin aus meiner alten Heimat Köln. Es war der erste Wochenendbesuch in unserer neuen Bude, mein Freund war unterwegs und ich hatte sturmfrei. Ein guter Ausgangspunkt also für Besuch.

Auf dem Weg zum Flughafen hatte ich schon irgendwie ein komisches Gefühl. Klar, hab ich mich gefreut, meine Freundin nach gut zwei Monaten wiederzusehen. Aber irgendwie war es seltsam, nur mit einem Tüdelsack, also ganz ohne Koffer in die Bahn zu steigen, die mich die letzten 4,5 Jahre immer zum Flughafen brachte. Ebenso war es sehr ungewohnt, einen anderen Weg einzuschlagen als den zu den Sicherheitskontrollen. Ich bin zum ersten Mal den Weg, den ich sonst nach meiner Ankunft in Zürich genommen hatte, entgegen gesetzt gegangen, quasi gegen den Strom.

Und dann war ich eine unter den vielen Wartenden, die aufgeregt den Bildschirm verfolgte, auf dem stand, in wie vielen Minuten das Gepäckband das Gepäck aus Köln ausspuckte. Und von meiner Freundin fehlte noch jede Spur. Bis sie irgendwann zum Gepäckband rannte, ihren kleinen Koffer schnappte und wenige Minuten später vor mir stand. Es war sehr schön, sie wieder vor mir zu sehen. Trotzdem blieb das ungewohnte Gefühl ohne Koffer in der Hand, den Flughafen wieder zu verlassen, ohne meinen Freund an der Seite, der sonst immer dabei war.

Aber die Fahrt nach Hause verflog wie im Flug, weil wir gleich zu schnattern anfingen. Wie sonst auch, und irgendwie so, als hätten wir uns erst vor ein, zwei Wochen das letzte Mal gesehen.

Nach dem „Einchecken“ bin ich mit meiner Freundin noch durch das Viertel spaziert, in dem ich jetzt wohne. Es war das erste Mal, dass ich das mit einer meiner Freundinnen gemacht hab. Eigentlich wurde ich von meinem Freund einfach dorthin mitgenommen oder wir sind gemeinsam durch die Strassen gebummelt. Aber jetzt war ich sozusagen der „Local guide“, der wusste, wo es lang geht. Neben unserer Schnatterei haben wir uns auch Treibenlassen und ich wusste immer, wo wir waren. Ok, nicht genau, aber ich wusste, dass wir ganz entspannt spazieren gehen konnten und ich wieder zurückfinden werde. Ohne Navi oder fragen zu müssen. Quasi als ob ich das Viertel schon recht gut kenne. Das war und ist immer noch neu für mich. Ich bin gerade mal vor zwei Monaten hergezogen und zeige meiner Freundin meine Hood fast wie ein alter Hase. Und noch überraschender war, dass ich ihr überall etwas zeigen konnte: Hier kann man gut essen, da gibt’s ein echt schönes Haus von um 1900, da waren wir mal, hier gab’s EM-Übertragungen, da kann man dies und das machen… es waren jetzt keine bahnbrechenden Infos, sondern solche, die man nur weiß, wenn man da halt lebt.

Und am nächsten Tag bei der richtigen Sight Seeing Tour konnte ich mich anfangs gar nicht entscheiden, was ich zuerst zeigen sollte. Da meine Freundin selbst noch nicht in Zürich war, meinte sie, könne ich ja gar nichts falsch machen, weil sie ja nicht weiß, was sie verpasst. Trotzdem wollte ich ihr soviel es geht zeigen und das hat auch geklappt, glaub ich jedenfalls. Als wir so kreuz und quer durch die Gassen der Altstadt getingelt sind, habe ich auch noch einige neue Seiten der Stadt entdeckt, Ecken, wo ich selbst noch nicht war, Läden, mit denen ich gar nicht gerechnet hätte.

Niederdorf

Luxury Shopping im Niederdorf

Und wieder wusste ich genau, wohin wir gehen, was es da zu sehen gibt. Aber dieses Mal muss ich zugeben, dass es wirklich an meinen vielen Besuchen in Zürich lag, dass ich das alles wusste. Nachdem wir mit dem Niederdorf durch waren, ging’s auf die andere Limmatseite und dann da durch touristenarme Gässchen bis zur Bahnhofsstrasse und von dort aus zum See bis vor zum Zürichhorn, wo wir uns ans Wasser gesetzt haben. Natürlich haben wir dazwischen weiter gequatscht wie in Kölner Zeiten.

Niederdorf

Trotz unserer vertrauten Plauderei und dem Durchstreifen mir noch unbekannter Ecken hatte ich nicht das Gefühl, dass wir die Stadt zusammen besichtigen. Sondern ich hatte das Gefühl, dass ich die Rolle des Guides eingenommen hatte, dass sich meine Freundin irgendwie auf mich verlassen hat, wohin wir gehen, was ich ihr als sehenswert gezeigt habe. Es war nach wie vor befremdlich, denn bisher musste ich meiner Freundin nie etwas zeigen: Wir haben ja in der gleichen Stadt gewohnt, da wussten wir beide, wo was ist. Jetzt hatte ich ihr irgendwie was voraus, einen Wissensvorsprung oder so. Und das war seltsam. Aber es hat sich irgendwie auch gut angefühlt. Ich hab mich gefreut, dass ich ihr so viele Sachen zeigen und meine Eindrücke direkt weiter geben konnte. Dabei hab ich jetzt nicht übermäßig mit historischen Infos gelangweilt, sondern eher so Annekdoten erzählt, die ich selbst erlebt hab. Anscheinend hab ich auch alles richtig gemacht, denn wir waren nach vier Stunden Stadtspaziergang einfach nur platt. Ja, wir werden auch nicht jünger. Aber meiner Freundin hat es sehr gut gefallen, hat sie selbst gesagt. 😉

Niederdorf

Lindenhofaussicht

Durch das Wochenende mit meiner Freundin habe ich gemerkt, dass ich jetzt wohl hier in Zürich und der Schweiz so langsam ankomme. Auch wenn ich es wirklich ungewohnt war, meine Freundin in der Stadt herumzuführen, so hab ich es wirklich sehr gern gemacht und gespürt, dass ich jetzt hier allmählich dazu gehöre. Also wie gesagt, ich komme gerade erst an. Ich lebe mit meinem Freund nun richtig zusammen, ich hab hier echt nette Leute kennengelernt, kann Yoga und Natural Horsemanship machen, die mir viel Engergie geben und ich peppe dank meines Sprachtandems mein Französisch wieder auf. Soweit hab ich mich hier eingerichtet, aber ich brauch noch ein bisschen, um vollends anzukommen.

Denn ich hab auch gemerkt, wie schade ich es fand, dass unser Wochenende so schnell vorbei ging. Meine Freundin ist viel zu schnell abgereist und ich weiß, dass sie in einen Flieger und nicht ihren silbernen Flitzer gestiegen ist. Ich weiß, dass ich sie nächste Woche nicht zum ins Kino gehen treffen kann, wie sonst. Das finde ich schon sehr traurig. Aber durch ihren Besuch hier hat meine Freundin mit ihrer Art und unseren alten Erzählungen und Gequatsche ein Stück Köln nach Zürich gebracht, ein Stück alte Heimat. Und dafür dank ich ihr sehr.

Ausblick ETH

PS: So, liebe andere Freunde und liebe Familie, ihr wisst ja jetzt, was zu tun ist. Aber gebt mir bitte vorher Bescheid, nöch? 🙂

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2 Gedanken zu “Eine ganz andere Perspektive

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