Sweet Home Alabama

Nach unserem kurzen Stopp in Pensacola sind wir am Abend noch in Mobile, Alabama, angekommen. Die Anfahrt vom Osten her ist schon beeindruckend, vor allem bei Sonnenuntergang. Erst sind wir über eine lange Brücke über die Mobile Bay gen Stadt gefahren, die Sonne ging langsam unter und am orangefarbenen Horizont zeichnete sich die Skyline ab, mit dem Hafen links davon.

Kurz bevor wir in die Stadt kamen, führte die Strasse in einen Tunnel unter dem Alabama River durch und kommt dann direkt auf der Goverment Street in Downtown raus und wird von prachtvollen historischen Gebäuden mit fetten Säulenfronten oder schmiedeeisernen Balkonen empfangen. Das war mal n Auftritt: Hallo Alabama.

Es wurde aber noch besser, denn an der Government Street reiht sich eine fette, historische Villa nach der anderen mit jeweils einem kleinen oder grösseren Vorgarten an der Strasse. Ich wusste nicht, wohin ich als erstes fotografieren sollte. Links, rechts, nach vorne. So aufregend. Zudem ist die Strasse eine Allee mit alten, knochigen Bäumen, deren mit Farn bewachsene Äste über die Strasse reichen. Das macht das ganze Strassenbild noch verwunschener, gemütlicher und einfach nur typisch südstaatenmässig. Ganz nach dem Motto „Vom Winde verweht“.

Nachdem wir im Villenviertel Oakleigh Garden ein paar Ehrenrunden um unser Bed&Breakfast gedreht haben, konnten wir dann doch einchecken und wurden von unserem Gastgeber empfangen – und der hatte sehr viel zu erzählen…

Als wir sagten, dass wir noch nie in Mobile waren, kam er mit Sightseeing Tipps, einem nach dem anderen. Als wir nach EINER Empfehlung fürs Abendessen fragten, bekamen wir… was weiss ich wie viele, denn er kam von Hölzchen auf Stöckchen und Zweiglein. Dann wurde noch das Haus vorgestellt (ältester Teil von 1858, der Rest um 1895 oder später, teils mit Originaleinrichtung). Mir wurde wieder bewusst, wie stolz die Amis sind, wenn mal was an die 100 Jahre oder gar älter ist. Für uns Europäer ist das so „Ja, ok, und?“ und für die Amis ist das fast antik… Nachdem wir das Haus und unser Zimmer gezeigt bekommen haben, hat der Gastgeber noch von sich erzählt, und nach sage und schreibe 30 min Gebrabbel hat er uns erst die Zimmerschlüssel gegeben… Aber er meinte es sicher gut.

Berney’s Fly B&B

Nach etwas Frischmachen sind wir dem einen Tipp unseres Gastgebers gefolgt, in die Stadt gelaufen und bei Moe’s Original BBQ essen gegangen. Das ist ein scheunenartiger BBQ-Schuppen, der vorne wie eine Sportsbar im Kleinstadtschick aussieht, wo Live-Musik gespielt wurde, aber hinten dran war eine riesige Halle mit Bierbänken und Sportfernsehen auf grossen Bildschirmen, in der frisch gegrillte und / oder frisierte Leckereien in einfachen Styroporassietten mit Plastikbesteck serviert wurden.

Wir fanden es super und einfach nur köstlich. Es gab Pulled Pork, Cole Slaw und Mac’n Cheese für mich und geräucherten Turkey mit Fries und Oreo Pudding als Dessert. Das lokale Bier hatte es auch in sich (Prozent und Preis), aber es war alles so wie man sich jutes, deftiges Südstaatenfutter vorstellt.  

Nachdem lecker Futter sind wir die dunklen, einsamen Fusswege zum B&B zurück gelaufen, die von den Wurzeln der urigen Bäume schön uneben nach oben gedrückt wurden. Kurz: Holpriger Fussweg, zappenduster, mit Laternen, in denen auch Kerzen hätten leuchten können… Aber das Gute an dieser Dunkelheit war, dass man die wunderbar angestrahlten Villen besser sehen konnte. Das hatte was echt was Romantisches, aber auch leicht gruseliges. 

Aber der nächsten Morgen war einer der Coolsten, den ich je erlebt hab. Also, Bed&Breakfast heisst ja, es gibt Frühstück. Yum yum yum. Ich hatte mit dem B&B Besitzer 8 Uhr  ausgemacht. Also ich bin pünktlich raus, mein Freund schlief selig weiter, und hab erstmal Kaffee in Küche abgeholt, um dann zu den anderen Gästen ins Wohnzimmer zu gehen: ein älteres Ehepaar (52! Jahre verheiratet) aus Bay St. Louis, er ein pensionierter Lehrer, sie eine ehemalige Schmuckverkäuferin, ein zweites Ehepaar hatte just an dem Tag seinen 18. Hochzeitstag, sie waren aus Texas, an der Grenze zu Louisiana, er Biochemiker, sie Krankenschwester, beide um die 50. Leuts, das war eins der besten Frühstücke, die ich je hatte. Man hat einfach geredet, sich ausgetauscht, geschnackt, alles mögliche, es war sehr herzlich, sehr offen, an einem antiken Esstisch, in einer alten Villa mit bunten Fenstern, durch die Sonne in warmen Strahlen ins Haus floss. Es war wie im Esszimmer bei Omma. Unsere Themen waren alles mögliche: Von Reisen, unserer Herkunft, über das Aufwachsen, Krankenversicherungssysteme, Ausbildung, Berufe, Wo man in New Orleans hingehen sollte, wann besser nicht, und bis zum Thema Katharina, Irma und Ike. Beide Paare hatten durch die Stürme einiges verloren hatten, wussten teils lange nicht, ob der andere oder andere Familienmitglieder noch lebten (alles gut!). Der pensionierte Lehrer wusste viel zu erzählen, auch Politik und Mafia und so, es war einfach nur spannend, witzig, und ich fand es mega interessant. Insgesamt haben wir 2,5 Stunden gequatscht, Lukas kam dann auch noch kurz dazu. Ach ja, das Frühstück, fast  vergessen, das war ganz im Südstaatenstil, aber weniger mächtig als in Apalachicola: Es gab Corngrits (Maisgries) mit Käse, Rührei mit Paprika und Käse und dann noch Melone und Banane, Kaffee und Orangensaft. Einfach und lecker. 

Nach dem Auschecken und vor unserer Weiterfahrt gen Westen waren wir noch kurz in Downtown Mobile. Gut, es war Sonntag Mittag, scheisse heiss und deswegen war so gut wie nichts los, idyllisch-friedliche Sonntagsruhe. Wir sind die Dauphin Street runter, die süsse Hauptstrasse mit Kneipen, Cafés und gusseisernen Balkonen, wo Abends halt der Bär steppt.

Eine Art Grossstadtfeeling kam nur durch die paar Hochhäuser am Wasser nahe dem Messegelände (Convention Center) auf, aber sonst hat Mobile eher einen wirklich charmanten Kleinstadtcharakter mit vielen Parks und fetten Eichhörnchen, die sich durch die verstreuten Erdnüsse am Belleville Square gefüttert haben. Etwas kurios war noch der ägyptische Tempel der Freimaurer mit zwei kleinen Sphinx davor, der in einer N Claiborne St, einer Seitenstrasse der Dauphin Street, etwas dominant hervorsticht. Das Warum haben wir auch nicht verstanden. Der Tempel war halt da und weil die Freimaurer es halt einfach konnten…

Auf dem Rückweg und auf dem Weg aus der Stadt raus haben wir noch eine kurze Tour durch Mobiles Villenviertel Oakleigh Garden gemacht. Aber unter uns: Da kann man wirklich fast jedes Haus fotografieren, weil jede der Villen einfach nur einzigartig, märchenhaft und einfach nur zu schön sind. Die knochigen Bäume, deren mächtige Äster über die Strasse reichen verhelfen dazu, das typische Südstaatenbild noch klischeehafter zu machen. Aber wer die Zeit hat, kann jedes der 6000 historischen Häuser gern fotografieren…

Nach gefühlt 20 Fotos, die ich eh nie wieder genau zuordnen kann, ging es für uns weiter nach Westen, durch Mississippi nach Louisiana.

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