Zürich – Tag 2: Limmat rauf und runter (1)

Am zweiten Tag stand Limmat auf dem Programm. Dass ich wirklich den halben Tag an, über und auf der Limmat verbringen würde, hätte ich dann doch nicht gedacht. Aber dieser schöne Fluss durch Zürich hat echt so viel zu bieten, dass Tag 2 wieder für zwei Beiträge gereicht hat.

Bei herbstlichen Sonnenschein und milden Temperaturen ging es durch die Straßen Zürichs zum fließenden Nass. Als ich so durch die stillen Seitenstraßen, abseits des Hauptverkehrstrubels, gelaufen bin, fiel mir wieder auf, dass viele Bauten aus der Jahrhundertwende um 1900 oder aus den 1920er und 30ern stammen. Manche Häuser haben Dachterrassen, mit alten verschnörkelten, gusseisernen Geländern und Schornsteinen, andere erhalten das letzte Grün des Sommers in ihren Ruheoasen wie Balkonen und Terrassen. Und ganz viele Häuser haben hölzerne, farbig gestrichene Fensterläden, die im Kontrast zum Putz der Hauswand stehen und trotzdem zusammen harmonisieren. Ich habe mich dort irgendwie gut aufgehoben gefühlt. Diese Fensterläden an den alten Häusern haben etwas Ländliches, Altertümliches, aber strahlen auch Uriges und Gemütliches aus. Dabei sind wir mitten in einer Großstadt.

Diese harmonisch, ruhige Idylle nahm ein jähes Ende, als ich an die Gleise kam, über die man wohl oder übel muss, wenn man von Süden zur Limmat will. Und auf einer der Brücken, die zur Züricher Kunsthochschule führt, hat man einen voll krassen Blick auf die Stadt: Man sieht erst mal nichts – außer Gleisen, Masten, Leitungen, Züge und Kräne, und das in beide Richtungen. Alles in einem kalten Industriegrau, das das Herz meines Freundes höher schlagen lässt. Erst dahinter habe ich in einem rosa-grau-blauen Dunst die Silhouette der Stadt schemenhaft erkannt: Die ETH, die dieses Mal über der Stadt thronte, die winzig klein wirkenden Glockentürme des Großmünsters, die unscheinbare Spitze des Fraumünsters über einem undefinierbarem Gedränge von Häusern. Von Alpen war gar keine Rede. Trotzdem hatte dieses grau-kalte Dunstmeer etwas Faszinierendes für mich, weil es einfach so gar nicht zu dem ruhigen Zürich, das ich sonst so kenne, passt. Hier wird mir immer klar, dass Zürich eine Großstadt ist, dass hier gefühlt alle Gleise der Schweiz zusammen laufen. Dieses Meer aus Gleisen erschlägt einen quasi mit seinem Industrie-Charme.

Gleise

Für mich ging es dann weiter in der Sonne, vorbei an der Kunsthochschule (deren Ausstellungen ich nur empfehlen kann) über die Straßenbahngleise der Linie 17 zum Fischerweg, den ich stadtauswärts gelaufen bin. Ich wollte mal den anderen Teil der Limmat sehen, der an Weinbergen vorbei führen soll.

Der Fischerweg ist ein kleiner Fußweg, der quasi die Limmat auf ihrem Weg von der Stadt heraus bis zur Grien-Insel in Dietlikon begleitet (und sogar noch weiter), fast wie heller Schatten, der sich ganz eng an den Fluss anschmiegt, ihn aber nie direkt berührt. Auf der anderen Uferseite führt ebenfalls ein Weg an der Limmat entlang, nur ist der nicht immer direkt am Fluss.

Als ich an der Limmat ankam, begrüßte mich das Ufer mit seinen gelbrotgrün leuchtenden Büschen und Bäumen. Das vom goldenen Laub bedeckte Ufer sorgt für den gebührenden Abstand zwischen Weg und Fluss, nur ab und zu führt ein kleiner Trampelpfad oder Stufen zum glasklaren Wasser, das in der Sonne glitzerte und gen Nordwesten rauschte. Ab und zu lud eine rot gestrichene Holzbank mit eisernen Löwen zu ihren Füßen zum Sonne Auftanken und Seelebaumeln Lassen ein.

Ruhepol

Weinberge über der Limmat (unterhalb der Kirche)

Auf der anderen Seite des Weges bin ich an Reihen von kleinen Arbeiterhäuschen vorbei gelaufen: jedes in einer eigenen Farbe, jedes mit einem eigenen Hintergarten, der sich mit dem Hintergarten der nächsten Häuschenreihe trifft. Überall blühten die Gärten in wilden Herbstfarben, manche waren mit bunten Wimpeln durchzogen, andere hatten eine Kinderrutsche auf dem Rasen. Der Weg führte weiter an der bedächtig fließenden Limmat entlang, vorbei an Fußgängerbrücken, an alten rosa, blauen oder gelben Häusern mit grünen oder blauen Fensterläden und wilden Gärten, deren letzten prächtig blühenden Blumen durch die Zäune gen Sonne auszubrechen schienen.

nahe der Limmat

Hier am dunkelblauen Fluss hörte man nur das stille Rauschen des Wassers, das die grünen Algen in seinen Bann gezogen und dabei versucht hat, sie stromabwärts mitzunehmen. Hier gab es keinen Verkehrslärm der Stadt, hier gab es keinen Menschentrubel, hier gab es so gut wie kein Zeichen, dass man sich in der größten Stadt der Schweiz befand.

Ja, „so gut wie“, also fast war es einfach ein totale Idylle zum Genießen, wären da nicht die vielen Jogger gewesen, die die Sonne und Mittagspause für sich genutzt haben. Die gab’s in allen Formen und Farben, alleine oder in Herden, aber immer schnaufend. Und die rennen einen fast um, ohne Vorwarnung kommen die von hinten an – patsch, patsch, schnauf laufen die an einem vorbei. Ich bin regelmäßig zur Seite gesprungen oder habe gewartet, bis eine Herde an mir vorbei getrampelt war. Und am Ende hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, dass ich „nur“ spazieren gegangen bin und mich nicht sportlich verausgabt habe. Aber nur fast.

Schließlich führte eine Brücke über die Limmat zur Werdinsel, die die Limmat teilt, in einen strömenden Fluss und in eine Art Flussbecken, das auf den ersten Blick langsamer fließt. Im Sommer dient das Becken als fließender Swimming Pool, mit einem 3m-Turm, oder auch Wehr genannt, von dem sich mutige Teenies gerne in das wirklich arschkalte Nass stürzen, um sich dann bis zur letzten Ausstiegstreppe treiben zu lassen. Und der nachtblaue Pool trügt gewaltig: Man ist echt zackig unterwegs. Aber es macht voll Spaß! (Ja, ich spreche aus Erfahrung, huuuuiiih!!)

Und mitten drauf ist ein Weg mit Kastanien und einem alten Gasthof, ein Weg, an dessen Rand sich das grüne Ufer immer breiter wird mit wild gefleckten Spätsommerwiesen und goldgelbrotorangen Büschen und Bäumen, die sich eng aneinander reihen und einen Goldregen rieseln lassen.

Blick von der Werdinsel

Kaum habe ich diese Insel betreten, war es auf einmal urplötzlich richtig ruhig war. Hier sind die Hunde mit ihren Besitzern Gassi gegangen, hier gab es gar keine Jogger, sondern Spaziergänger, hier war eine einzige Ruheoase, die gar nicht mehr an eine Insel erinnerte, sobald man am anderen Ende die Kleingärten gesehen hat. Auf der einen Seite drängeln sich hohe Bäume im Herbstkleid um einen der begehrten Plätze am Ufer und spiegeln sich in der Sonne leuchtend im Wasser. Auf der anderen Seite tummeln sich alte und neue Häuser am Hang, als wollten sie einen Platz an der Sonne erhaschen, und auch einen Blick auf den Fluss. Ein besonders idyllisches Plätzchen ist die Stahlbrücke, die wieder zurück zu Fischerweg führt. Hier hat man in beide Richtungen einen fantastischen Blick auf die Natur und das Farbenspiel der Blätter und des Flusses.

Idylle an der Limmat

Limmat mit Herbstfarben

Kaum war ich wieder am Ufer, war es langsam Zeit, wieder umzukehren. Ich war mit meinem Freund verabredet und wir wollten noch etwas zusammen in der Stadt machen. Einerseits hab ich mich total gefreut, andererseits wollte ich das bunte Herbsttreiben und das Rauschen der dunkelblauen Limmat noch nicht verlassen. Außerdem hat es noch eine Weile bis zur nächsten Abzweigung gedauert. Vielleicht hab ich die auch verpasst, weil ich einem Steg in den Wald gefolgt bin, der sich als Naturlehrpfad rausgestellt hat. Inklusive einem fetten Eichhörnchen, das im aufgeregt im Laub nach irgendwas gesucht hat. Tja, keine Ahnung. 😀

Dank Navigator habe ich den Weg durch eine Schrebergartenanlage zurück zur Endstation der Linie 17 gefunden und konnte so meinem Freund entgegen fahren. Zurücklaufen hätte einfach viel zu lange gedauert, weil ich bis zu der Abzweigung schon an die zwei Stunden unterwegs war. Erschreckenderweise war ich innerhalb von 15 Minuten wieder an der Kunsthochschule, die ich vorhin passiert hatte.

Also: Unterschätzt niemals die Distanzen in der Schweiz, jedenfalls nicht auf dem Land. Es kommt nicht immer eine rettende Abzweigung oder Brücke oder Bahn oder Bus, die einen zurück in die Zivilisation führt.

An der Bahnhaltestelle wartete schon mein Freund und wir sind weiter in die Stadt durch die bunten Häuserreihen in den ruhigen Nebenstraßen gebummelt…

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