St. Gallen

Wenn man schon mal in Zürich ist, dann kann man sich auch mal in der Schweiz umgucken, nöch? Also gab’s mal einen kleinen Tagesausflug ins wunderschöne St. Gallen im Nordosten von Zürich.

Pünktlich rollte der Zug vom Gleis 10 im HB Züri los, so wie jeden Werktag. Mein Platz war natürlich am Fenster und beim mich häuslich für die nächste Stunde einrichten, hab ich erst mal (oder besser mal wieder) mein Ticket gecheckt, ob es immer noch in der rechten Jackentasche ist, wie auch vor 2 Minuten auch noch.

Das Ticketziehen am Automaten ist echt einfach und erklärt sich quasi von selbst: Einfach den Zielort eingeben, den Anweisungen auf dem Bildschirm folgen, als normaler Touri bitte nicht auf ½ Tax klicken und dann bezahlen. Das kann man in bar oder mit Karte, aber vorsicht vor den möglichen Gebühren für den Auslandseinsatz (fachkundige Auskunft gibt’s bei der Bank oder dem Kreditinstitut). Was ich immer wieder cool finde, dass sich die Fahrpreise der SBB nur nach der Distanz berechnen und es keine Preisunterschiede in den Zugkategorien gibt. Das heißt, man kann jeden Zug nutzen, der auf der Strecke Zürich – St. Gallen fährt. Und das kostet für Hin und Rück ca. CHF 60. Geht, finde ich.

Gasse in St. Gallen

Pünktlich um 12.15 Uhr war ich dann in St. Gallen angekommen und bin den ganzen anderen Fahrgästen nachgelaufen (Treppe runter, dann links). Außerdem findet man eh schnell die Orientierung, 1. wenn man sich vorher den Stadtplan aus dem Lonely Planet Schweiz abfotografiert, 2. weil die Stadt nicht so ungeheuer groß ist und 3. weil es in St. Gallen ein öffentliches Wifi gibt, das man eine Stunde gratis nutzen kann. Der Stadtkern mit seinen Altstadthäuschen und Gässchen liegt im Tal, während sich der restliche Stadtrand sanft an die steilen Hügel schmiegt, die die St. Gallen umschließen.

Als erstes bin ich durch die Stadtlounge gen Zentrum. In dem recht verkehrsberuhigten Teil von St. Gallen ist der Boden mit rotem Gummibelag wie auf Tennisplätzen „gepflastert“. Der Belag überzieht sogar Treppen, Bänke und ein „Auto“. Über der Straße hängen Riesenperlen an Drahtseilen. Das Ganze soll zum Erleben und Wohlfühlen einladen, zum Entspannen und Pausieren. Deswegen sieht man hier Schüler und Anzugträger gleichermaßen auf den Bänken sitzen und ihren Mittagssnack genießen.

Stadtlounge in St. Gallen

Dahinter beginnt die Altstadt, unschwer an den vielen alten und Fachwerkhäusern zu erkennen. Der historische Kern sieht aus wie im Mittelalter und das wirklich Coole an St. Gallen ist, dass hier fast jedes Haus einen verzierten Erker hat, der im 1. Stock an der Fassade hängt. Er ist entweder bunt bemalt, mit kleinen Figuren, in der Fachwerkskunst oder komplett aus Holz mit reich verzierten Schnitzereien. Angeblich soll es 111 von diesen Erkern in St. Gallen geben. Also ich hab nicht nachgezählt, aber es sind echt viele. Und egal, wie der Erker gestaltet ist, jeder ist einmalig und ein wahrer Hingucker.

Erker in St. Gallen

Erker in St. Gallen

Bevor ich weiter durch die ruhigen, bunten Gassen bin, habe ich Bücherfreak erst mal mit dem Wichtigsten angefangen: Der Stiftsbibliothek am Kloster, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und eine der ältesten Bibliotheken der Welt ist. Das ist gar nicht zu verfehlen, einfach den beiden großen Glockentürmen nach und dann einmal außenrum zum Seiteneingang. Ist aber auch alles ausgeschildert, direkt am großen Marktplatz mit einem wunderschönen, alten, knochrigen Lindenbaum in der Mitte. Vom Marktplatz aus führt eine Treppe runter zum Eingang, und schwups steht man in einem eindrucksvollen hellen Treppenhaus mit geweißelten Wänden und einer Sandsteintreppe.

St. Gallens Marktplatz

Im ersten Stock gibt’s auf der rechten Seite im Museumsshop die Eintrittskarten und Audio Guides, und allerlei Bilder und Bildbände und Bücher und was man sonst noch so alles an Souvenirkrimskrams kaufen kann. Der reguläre Eintrittpreise beträgt CHF 12, inkl. dem Lapidarium im Keller. Da geht man aber erst danach hin. Sobald man die Karten hat, sollte man all seine sperrigen Sachen wie Jacke, Tasche, Schirm und vor allem Fotoapparat in einem der kostenlosen Spinte hinter dem Museumsladen einschließen. Denn Fotografieren ist in der Bibliothek oder dem restlichen Museum verboten.

Treppenhaus in der Stiftsbibliothek St. Gallen

Und daahhaaann geht’s mit dem Ticket auf die andere Seite vom Treppenhaus, zu einer netten Dame an einem Pult, die einem die Eintrittskarte abreißt. Es folgt ein Gang voller Holztafeln mit Kirchensprüchen in Latein und reich verzierten Malereien. Wer mag, kann vielleicht mit seinem Stowasser da rein und was übersetzen. Kurz vor der Bibliothek wartet eine fein säuberlich aufgereihte Armee von Filzlatschen auf eifrige Benutzung. Was das absolut Coolste ist, weil ich dann immer wie ein Eisläufer über den gewienerten Parkettboden rutsche.

Doch kaum war ich in die Stiftsbibliothek gerutscht, hab ich die Filzpantoffeln vergessen, weil mein Blick automatisch nach oben ging. WOW! Mit großen Augen bewunderte ich die eindrucksvolle und prächtige Barockmalerei an der Decke, kurz darunter fingen die reich verschnörkelten, zum Bersten gefüllten Bücherregale an, die sich durch den übersichtlichen Raum ziehen. Es gibt zudem noch eine Galerie, deren Wände ebenfall mit voll gestopften Bücherregalen tapeziert sind. Leider ist die Galerie nicht zugänglich. Leuts, ich hab selten so viele und vor allem so so alte Bücher auf einem Haufen gesehen. Es sollen an die 170.000 sein!! WAHNSINN! Gut, im Trinity College in Dublin war es ähnlich, nur nicht so prunkvoll. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und wollte am liebsten jeden einzelnen Buchrücken lesen, jedes der ausgestellten Bücher Zeile um Zeile lesen, auch wenn sie in Latein geschrieben sind (und ich ja meinen Stowasser eben nicht dabei hatte). Ich war wie im Wunderland, völlig verzaubert, so dass ich wirklich versucht hab, alle Buchrücken, die in meiner Augennähe waren, zu lesen. Aber am faszierendsten waren für mich die ausgestellten Bücher in den Glasvitrinen: Das sind handgefertigte und sauber geschriebene Bücher aus dem 5., 8. Und 9. Jahrhundert, also über 1000 Jahre alt! ALTER! Ich hab selten so was Schönes gesehen!! Die meisten waren Jura-, Rechts- und Kirchenbücher, es gab auch so was wie Buße-Kataloge, damit der Pfarrer nachschlagen konnte, welche Buße er bei welcher Sünde vergeben sollte. Total krass!

Auch wenn die Stiftsbibliothek nicht groß ist, gibt es hier allerlei anzuschauen: Lexika, naturwissenschaftliche Werke, Rechtsbücher, Romane, Biografien, vieles aus dem 18. und 19. Jahrhundert, aber auch aus dem 20. Jahrhundert. Es gibt auch einen Sargofarg mit Mumie und einen saualten Grundriss des Klosters. Im vorderen Teil der Bibliothek steht ein Globus aus dem 15. Jahrhundert, der fantasievoll so bemalt wurde, wie man sich damals die Welt vorstellte, inklusive Seemonster und Sternenhimmel. Echt interessant. Es lohnt sich auch nochmal einen Blick hoch zu den Bildern an den Stirnseiten der Galerie zu werfen: Die Gemälde zeigen Schlafende, wohl aber eher, Verstorbene. Warum die ausgerechnet hier hängen bzw. was deren Bezug zur Bibliothek sein soll, weiß ich auch nicht. Aber sie hatten etwas sehr Beruhigendes auf mich und standen im Kontrast zu dem restlichen, prunkvollen Dekor.

Als ich dann alle Buchrücken und Glasvitrinen durchgelesen hatte, bin ich wieder zum Ausgang gerutscht und hab dann seine Filzlatschen wieder abgegeben. Im Treppenhaus hat der Aufzug mich ins Lapidarium (lat. für grob Steinsammlung…) gebracht. Tja, und hier ging der Info-Fluss reichlich weiter. Also wird überaus detailliert gezeigt, aus welchen Materialien und wie im Mittelalter Bücher hergestellt wurden, wie Farben, Papier gemacht wurden, dass es Buchhüllen mit Elfenbeinschnitzereien gab. Es wird ebenso die Entwicklung und Funktion der Schrift in allen sozialen Bereichen erklärt, und die Geschichte des Klosters. Und ja, es gibt auch einen Raum mit Steinfragmenten und Steinmetzkunst des Klosters. Also für diejenigen unter euch, die so was interessiert.

Nach all den vielen Infos und Prunk bin ich dann wieder raus in den Regen. Durch die letzten Gassen und über steile Treppenstiege zwischen den alten Häusern bin ich den Hang rauf gelaufen, bis zur Mühlegg Talstation. Von der kleinen Brücke hier hat man einen fantastischen Ausblick über die Dächer der Stadt. St. Gallen schien gerade ein Mittagsschläfchen im sanften Regenschauer zu halten, so ruhig war es in den Straßen.

Blick von der Talstation Mühlegg über St. Gallen

Dann ging es wieder runter und dieses Mal zur Stiftskirche des alten Klosters (das gehörte mal den Benediktinern…). Der eindrucksvolle Hof war von weißen Gemäuern umgeben und so ziemlich menschenleer. Nur aus der Seitentür der Kirche kamen zwei bunte Touristen, die trotz Regenklamotten die Schirme rausholten… Ahja. Ich bin dann da rein und wieder WOW! Mein Blick ging ganz automatisch an die Decke vorm Altar, die gefühlt zehn Meter über mir war. Ja, schon wieder! Ich hatte eine normale, farbig bemalte Kirche erwartet und wurde wirklich umgehauen: In der Kuppel prangte eine schwarze Malerei, mächtige Himmelsszenarien wie man sie sonst auch kennt, nur in Schwarz- und Grautönen. Wahnsinn!

Stiftskirche St. Gallen

Stiftskirche St. Gallen

Ich hab so was Unglaubliches, Faszierendes, Wunderschönes noch nie gesehen! Ok, noch nicht in einer Kirche! Und ich hab bestimmt mit offenem Mund wie angewurzelt nach oben gestarrt. Erst als ich dann doch weiter in die Kirche hinein gegangen, hab ich nach und nach das Eindrucksvolle an bzw. in ihr realisiert. Sie ist sehr hell gehalten, weiße Wände, mitgrüne Säulen, Barockrahmen, vergoldete Elemente, kleine Engelsfiguren, und überall diese schwarzen Malereien, die sich auch durch die Seitengänge zogen. Als ich den Mittelgang auf den prächtigen Altar zuging, hab ich die Macht der Kunst gespürt. Ich hab mich setzen müssen, um das Ganze auf mich wirken zu lassen. Am liebsten wär ich nicht mehr weg.

Aber irgendwann musste ich ja doch mal weiter und zurück zum Bahnhof. Ich habe mich vom Regen durch die Altstadtgassen, die großen und kleinen, treiben lassen, vorbei an den kleinen, traditionellen Läden, den bunten Erkern, vorbei an Leuten, die sich die Zeit für ein Pläuschchen im Regen nahmen, um sich über das Neuste auszutauschen, vorbei an wunderschönen Brunnen und Jugendstilbauten in der trubligen Haupteinkaufsstraße. Trotz der modernen Läden hier hat sich St. Gallen seinen alten Charme und eine urige Verschlafenheit bewahrt, so dass man gern wieder herkommt. Vor allem um das alte Kloster herum scheint die Zeit irgendwo im 16. Jahrhundert oder so stehen geblieben zu sein. Von dort scheint eine mystische, ehrfürchtige Ruhe auszugehen, die sich über das doch so quirlige Städtchen ausbreitet.

St. Gallen Altstadt

St. Gallen Altstadt

 St. Gallen Altstadt

St. Gallen, du bist eine wunderschöne Perle in der Nordschweiz, die man keinesfalls verpassen darf.

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2 Gedanken zu “St. Gallen

  1. Gefällt mir sehr gut. Hatten auch schon die Gelegenheit St. Gallen kennen zu lernen. Wirklich ein wunderschönes Städtchen. Ein Besuch ist es immer wert!

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